Lancaster-Fund in Nord-Bayern (April 2001)

Wie es zu diesem ganzseitigen britischen Zeitungsbericht kam, lesen Sie in dem folgenden spannenden Luftfahrtspuren-Artikel:


Es handelt sich zwar nicht um eine Spurensuche in Schleswig-Holstein, aber dennoch möchte ich dem interessierten Leser diesen Erfolgsbericht nicht vorenthalten.

Freunde aus England baten mich darum, eine Lancaster-Absturzstelle in der Nähe von Fürth zu finden. Sie hätten in England den R.A.F. - Veteranen und ex. Flight-Engineer der Lancaster TC-K – ME496 (No.170 Squadron), Sgt. Douglas CADY, kennengelernt, dessen Maschine bei einem Nachtangriff auf Nürnberg am 16. März 1945 von deutschen Nachtjägern abgeschossen wurde.

Cady und zwei weitere Crew-Mitglieder (Wireless Operator KIRK, Bomp Aimer BURNS) schafften den Absprung mit dem Fallschirm, während die vier anderen tlw. durch feindlichen Beschuss schon tödlich getroffen, in der Maschine verblieben und mit voller Bombenlast in einen Wald stürzten.

Sgt Cady, RAF Flight Engineer, 1945

Der heute 76jährige wünsche sich kaum etwas mehr, als die Absturzstelle und die Gräber seiner Kameraden zu finden.

 

Mit diesen Informationen, und mit dem Hinweis, dass die Toten heute auf dem Kriegsgräberfriedhof Durnbach / Tegernsee begraben sein sollen, begann ich meine Suche nach der Absturzstelle.

Eine durch meine englischen Freunde gestartete Anfrage beim „Ministry of Defense“ erbrachte zumindest den Namen eines kleinen Dorfes in der Nähe von Rothenburg o.d.T. , denn dort habe eine englische Kommission (No.3 Missing Research and Enquiry Unit) nach dem Krieg die Gräber der dort beigesetzten Besatzungsmitglieder entdeckt.

 

In den Weiten des Internets fand ich nun die Seiten des Wehrtechnikmuseums (Bayern), deren Mitglieder sich zufällig schwerpunktmäßig mit der Erforschung von Flugzeugabstürzen in Nordbayern beschäftigen. Eine von mir mit den wichtigsten Informationen versehene E-mail leitete man gleich an Herrn Friedrich Braun in Nürnberg weiter, der in der Vergangenheit schon häufiger erfolgreich für das Museum geforscht hat und sich von nun an auch um meinen „Fall“ kümmern wollte.

Herr Braun untersucht normalerweise hauptsächlich die Geschichte der Bodenkämpfe rund um Nürnberg, ist aber auch in der Luftfahrt-Spurensuche ein überaus kompetenter Mann.

Durch die fehlerhafte englische Schreibweise des Ortsnamens zunächst auf eine falsche Fährte gelockt, konnte er mir schon nach wenigen Tagen intensivster Suche erste Erfolge mitteilen. Neben dem richtigen Ortsnamen konnte mir Herr Braun das meinerseits nie erwartete melden: Er habe die genaue Stelle, an der die Lancaster abstürzte, Augenzeugen konnte er auch ausfindig machen und die exakten Abläufe von damals wird er mir in Berichtsform zusenden.

Das war weit mehr, als ich je zu hoffen gewagt hätte! Schon eine Woche nach dem ersten E-mail-Kontakt bekam ich -als wenn es selbstverständlich wäre- folgenden Bericht von ihm:

 

„Lancaster III mit der Kennung ME496 TC-K von der 170. RAF Squadron

Angriff auf Nurnberg

Die Maschine startete um 17.31 Uhr vom Flugplatz Hemswell zum Flug nach Nürnberg. Die Maschine flog mit 7 Mann Besatzung. Flugzeugführer war: Pilot Officer A. Steainstreet. Die anderen 6 Besatzunngsmitglieder waren: Sgt. D.S. Cady, Sgt. R. Surtees, Sgt. J. Burns, Sgt. S.W. Kirk, Sgt. R.C. Rayment, Sgt. C. Edwards.

Nachtjäger machen Pauke – Pauke

Die Lancaster III der Besatzung Steainstreet befand sich gegen 21.30 Uhr südwestlich von Rothenburg o.d.T. Im Anflug auf das Zielgebiet Nürnberg. Nach Aussage des Besatzungsmitgliedes Sgt. Cady erhielt die Maschine etwa 6 bis 10 Minuten vor dem Zielgebiet Treffer im Heckstand. Der Heckschütze S. Edwards soll nach Aussage von Sgt. Cady bei dem Beschuss ums Leben gekommen sein.

Anmerkung des Verfassers.; südlich von Rothenburg, also in der Gegend zwischen Blauenfelden und Schrozberg stand keine deutsche Flak, die Treffer können deshalb nur von einem Nachtjäger herrühren.

Der Bomber fing durch den Beschuss Feuer. Der Flugzeugführer Pilot Officer Steainstreet befahl, das Flugzeug schnellstens zu verlassen. Von der 7köpfigen Besatzung gelang es gerade noch 3 Männern die Maschine durch Notabsprung zu verlassen. Danach explodierte der noch mit seiner vollen Bombenlast bestückte Bomber. Teile des Rumpfes schlugen etwa 200 m nordostost vom Weiler P. In einen Steinbruch. (...) Die genaue Absturzstelle soll an dieser Stelle noch nicht veröffentlicht werden, -Webmaster-.

Von der Besatzung kamen Steainstreet, Curtess, Raymend, und Edwards ums Leben. Einer dieser Unglücklichen soll damals in der Wiese, ein paar hundert Meter südwestlich von S., gefunden worden sein. Die Dienstmagd des Bauern U. packte den toten Flieger auf einen Graswagen und fuhr den Leichnam zum Friedhof nach K.. Die vier Toten wurden auf dem Friedhof in K. beerdigt.Der Wagnermeister S. hat für die vier toten Flieger die Särge bereit gestellt. Nach Ende des Krieges wurden die sterblichen Überreste der Flieger auf den britischen Soldatenfriedhof Dürnbach/Tegernsee umgebettet.

Drei Mänern aus der Besatzung gelang es sich rechtzeitig aus dem brennenden Flugzeug zu retten. Nach Erzählungen von Anwohnern wurden diese Fallschirmspringer noch in der Nacht festgenommen.

Die feindlichen Bomber flogen in der Regel in 5000 bis 7000 Meter Höhe. Das Dröhnen und monotone Brummen der Bombermotoren war in der Nacht weit zu hören. Auf dem Land war es üblich dem Bomberstrom zu lauschen und das nächtliche Treiben am Himmel zu verfolgen. Von deutschen Nachtjägern, die als Fühlungshalter mit dem Bomberstrom mitflogen, wurde die Nacht durch weithin sichtbare Leuchtsignale erhellt.

Am 16. März 1945 flogen gegen 21.00 Uhr die ersten feindlichen Bomber von Westen her kommend über die Frankenhöhe. In S. standen die Bewohner unter den Haustüren. Der ehemalige Weltkriegsteilnehmer Fritz K. horchte vor seinem Haus in die Nacht hinein. Aus Richtung B. / R. zuckte ein Explosionsblitz am Nachthimmel auf. In das Rauschen vom Himmel fallender Flugzeugteile mischte sich gespenstisch das Patschen der im Wald bei P. aufschlagenden Trümmer.

Fallschirmspringer

Fritz K. Wurde hellhörig, als er einige Minuten später etwa 100 bis 150 Meter südwestlich vom Ort Geräusche hörte. Als er nachschaute, traf er in der Wiese auf einen Fallschirmspringer. K. forderte den Engländer auf mitzukommen. Er nahm den Mann mit nach Hause. Als Frau K. dem Engländer Essen anbot, hat er abgelehnt. Später hat er dann doch ein gebratenes Ei angenommen. Die Kunde, dass bei Pleikartshof ein Flugzeug abgestürzt war verbreitete sich in Windeseile. Bewaffnete Volkssturmmänner suchten in Wald und Flur nach Fallschirmspringern. Die Mäner kamen auch nach S. Sie wollten den Fallschirmspringer mitnehmen. Fritz K. Sagte den Leuten: „Den kriegt Ihr nicht! Ich übergebe den Gefangene nur an das Militär!“ Und so blieb es auch. Der Engländer wurde am nächsten Tag von Mänern der Luftwaffe abgeholt.

In S. Stand der 14jährige Ernst. R. Zusammen mit seiner Mutter vor der Haustür. Als der Bomber in der Luft explodierte, flüchteten sie sich aus Furcht vor herabfallenden Trümmern in das Haus. Beim F. In S. Klopfte es in der Nacht. Die in Koblenz fliegergeschädigte und nach S. evakuierte Frau V. öffnete. An der Haustür stand ein Fallschirmspringer ( CADY ! Anm. d. Webmasters). Der Flieger verlangte flehentlich nach Wasser. Frau V. liess den blutverschmierten Flieger ins Haus und versorgte ihn. Frau R. verständigte den Ortsvorsteher. Nach einiger Zeit kamen Volkssturmmänner aus Sch., die den im Gesicht verletzten Engländer abführten.

Wo der dritte Mann aus der Besatzung herunterkam, konnte bis dato nicht mit letzter Sicherheit recherchiert werden.Nach unbestätigten Aussagen soll der Flieger zwischen Sch. und S. heruntergekommen sein. Als Zivilisten den noch in den Gurten hängenden Fallschirmspringer entdeckten, soll der Engländer mehrmals beteuert haben: „No pistol - no pistol!“ “

 

Ich konnte also „Grünes Licht“ nach England geben; der geplante Besuchstermin, Ostern 2001, stand unmittelbar bevor.

So kam dann auch alles wie geplant, meine Freunde aus England brachten Cady mit, und wir starteten am Ostersonntag gegen 20.00 Uhr zur „Deutschlandquerung“ (von Schleswig-Holstein nach Bayern...).

11 Stunden und knappe 1000 km später fanden wir auf dem Kriegsgräberfriedhof die Gräber der getöteten Besatzungsmitglieder, Pilot STEAINSTREET, Navigator SURTEES, Air Gunner RAYMENT sowie Air Gunner EDWARDS.

Britischer Soldatenfriedhof Dürnbach/Tegernsee

Grab des Air Gunners R.C. Rayment

Cady zwischen den Gräbern seiner Kameraden



Um11.30 Uhr trafen wir uns nahe Rothenburg mit einem Augenzeugen, der uns zur Absturzstelle führen sollte. Neben ihm wurden wir u.a. auch von dem Besitzer des Waldgrundstückes erwartet, auf dem die Lancaster explodierte. Flugzeugteile die er dort noch gefunden hatte, wurden schon zur Begrüßung dem R.A.F.-Veteranen übergeben:

Cady (weiße Jacke) mit Trümmerteilen

Als nächstes fuhren wir nun zur Absturzstelle. Noch heute, 56 Jahre nach den Geschehnissen konnten wir Spuren des Unglücks im Boden entdecken.

Auf Spurensuche im Wald

Nachdem wir jetzt das eigentliche Ziel unserer Fahrt erreicht hatten, führte man uns auch noch zu dem Haus, an dessen Tür der damals im Gesicht stark blutende Cady anklopfte, und dessen Bewohner ihm das Leben gerettet haben.

Sgt Cady an der Tür, an der er auch am 16 März1945 anklopfte

Cady erkannte bei unserem Besuch in der Nähe des Hauses die Stelle wieder, an der er mit seinem Fallschirm das erste mal und völlig ungewollt deutschen Boden berührte:

Cady zeigt uns die Stelle, an der er mit seinem Fallschirm landete

Kirche auf deren Friedhof die getöteten englischen Soldaten noch im Kriege beigesetzt wurden. Erwähnenswert ist die zu der Zeit eher ungewöhnliche Tatsache, dass der „Dorf-Tischler“ im März 1945 aus eigenem Antrieb für die feindlichen Flieger Särge gefertigt hat.

DANKEN möchte ich -besonders im Namen von Douglas Cady- Herrn Friedrich Braun, ohne dessen Hilfe Cady wohl niemals mit diesem Teil seines Lebens hätte abschließen können, sowie den äußerst hilfsbereiten Bewohnern des kleinen bayerischen Dorfes, von dem ich den Namen zur Vermeidung vom „Buddeltourismus durch Souvenirjäger“ hier nicht nennen möchte.

Olaf Weddern