Fritz Gehlkers Me-262 Absturz bei

Högersdorf / Kreis Segeberg von Michael Sappl

Nur durch Zufall gelangen Spaziergänger in der Feldmark zwischen Högersdorf und Rotenhahn zu einem Findling, der folgende Inschrift trägt: Fritz Gehlker, darunter das Datum 20.3.1945. Über dem Namen befindet sich, verwittert und kaum noch erkennbar, ein kleines Eisernes Kreuz.

Gedenkstein für Fritz Gehlker

Dienstag, 20. März 1945

Die 8. US-Luftflotte fliegt auch an diesem Tag von Ostengland aus gegen Ziele im Reichsgebiet. Drei Angriffsgruppen mit 443 Bombern der Baumuster Boeing B-17 und B-24 Liberator greifen strategische Ziele im Großraum Hamburg an. Sie werden von 229 Jägern des Typs P-51 Mustang eskortiert. Eine unabhängige Patrouille von 82 P-51 komplettiert die Armada.

Der Hinflug verläuft ohne besondere Vorkommnisse. Kurz vor 16.00 Uhr sichtet eine der Jägerpatrouillen im Raum Stendal neun zweistrahlige deutsche Jagdmaschinen mit nordwestlichem Kurs.

Um 16.00 Uhr erreichen die Bomberpulks Hamburg.

Die Verbände werden von schwerem Flakfeuer empfangen. Während der 30 Minuten, in denen sie sich über der Stadt befinden, verfeuern 35 schwere Batterien 3242 Sprenggranaten aus 199 Rohren.

Die Flugzeugführer des auf verschiedene Horste verteilten Jagdgeschwaders 7 “Nowotny“  (s.a. Fliegerhorst Kaltenkirchen) rechnen  zu dieser fortgeschrittenen Tageszeit kaum noch mit einem Einsatz.

Gegen 15.30 Uhr werden die einfliegenden Kampfverbände von den Funkmessgeräten erfasst. Um 15.46 Uhr ergeht für die in Sitzbereitschaft befindlichen Piloten der I. und III. Gruppe des JG 7 der Startbefehl.

Eine der in Oranienburg abhebenden Me-262 der 10. Staffel des Olt. Franz Schall wird von dem 20jährigen Oberfähnrich Fritz Gehlker aus Dortmund geflogen. Sie trägt auf dem Rumpf das blau-rote Band der Reichsverteidigung und darin einen senkrechten Balken, der sie als Maschine der III. Gruppe ausweist. Die Werknummer 110598 gibt Auskunft über die Herkunft der Maschine. Sie wurde in einer getarnten Fertigungsstätte bei Schwäbisch-Hall, dem so genannten Waldwerk, aus dezentral hergestellten Einzelteilen montiert. Vom 10. bis zum 17.12.1944 wurde sie auf dem Fliegerhorst Memmingen in vier Testflügen eingeflogen.



Wurde am 1.12.1944 zum JG 7 versetzt und galt dort als begeisterter Jagdflieger:

Fritz Gehlker

Kaum haben die Fliegenden Festungen ihre Bombenklappen geschlossen, sind überraschend die Me-262 da. Drei Minuten nach dem Wurf  beginnt nördlich von Hamburg der erste von zahlreichen Angriffen, die etwa 30 Minuten lang andauern und erst enden als der Bomberstrom die Nordseeküste erreicht. In 8500 m Höhe treffen 24 der 29 gestarteten Turbos der I. und III. Gruppe des JG 7 auf den Gegner.

Die B-17G, Werknummer 43-38870, gehört zur 360. Bomberschwadron. Die Besatzung hat ihr den Namen “Salvo Sal“ gegeben. Sie wird gesteuert von 2Lt. John Scott. Neben sieben weiteren Crewmitgliedern befindet sich als Heckschütze der 23jährige Sgt. John C. Woolpert, geboren in Oregon, in der Maschine. Er fliegt heute seinen 17ten oder 18ten Einsatz. Vor dem Angriff auf Hamburg wurde die Crew vor den neuen deutschen Jets gewarnt. Aber weder Woolpert, noch ein anderes Mitglied der Besatzung hat bisher eine derartige Maschine gesehen oder davon gehört, dass eine solche abgeschossen wurde. Über Hamburg schaltet ein Flaktreffer einen der vier Motoren aus. Scott entschließt sich, den Angriff fortzusetzen. Da er die Höhe nicht halten kann gerät er unter den Verband und wird von der Bombe einer höher fliegenden B-17 getroffen. Die Boeing verliert dadurch einen weiteren Motor. Dem Piloten gelingt es zwar durch seine Geistesgegenwart, ein entstehendes Feuer zu löschen, die Maschine büßt jedoch von ihrer ursprünglichen Angriffshöhe von  8000 Metern über 3000 Meter ein und folgt dem Verband als Nachzügler. Die Besatzung rechnet jeden Augenblick damit, ihr Flugzeug verlassen zu müssen.

Dieses wird ebenfalls unvermittelt von drei Me-262 attackiert, die ihren Angriff in gleicher Höhe aus 4 Uhr ansetzen und auf 6 Uhr einschwenken. Sgt. Woolpert  richtet seine beiden schweren Maschinengewehre auf die in der Mitte fliegende Me-262 und feuert, als die Angreifer sich auf  etwa 1000m genähert haben. Die außen fliegenden Turbos schwenken daraufhin ab. Die mittlere Me-262 setzt ihren Anflug trotz des Abwehrfeuers fort und beginnt auf etwa 600m ihre Kanonen abzufeuern. Sie zerstört dem Bomber dabei einen weiteren Motor. Woolpert schießt weiter, bis die Messerschmitt in einer Entfernung von etwa 500m in Flammen steht und brennend und sich zerlegend in die Tiefe stürzt.

Der Abschuss wird ihm nach Auswertung der Einsatzberichte von der 1st. Air Division der 8. Luftflotte offiziell zugesprochen.

B-17G, Besatzung Scott (stehend rechts außen Sgt. Woolpert)

Foto mit frdl. Genehmigung der 303rd BGA

An diesem 20. März sind im Kreis Segeberg auch noch eine B-17 der 359. BS bei Neuengörs und eine der 358. BS bei Westerrade abgestürzt.

Für den gefallenen Piloten Fritz Gehlker wurde auf dem Soldatenfriedhof in Lübeck ein Grab angelegt. Die Grab-Nummer lautet VI-2-L-65. Es ist anzunehmen, dass es etwas Erde und Asche von der Absturzstelle enthält.

Den Eltern des Gefallenen wurde bekannt, dass eine Bergung ihres Sohnes nicht möglich war. Sie ließen den Absturzort seiner Maschine im Jahr 1946 ausfindig machen und stellten dort den von einem Segeberger Steinmetz beschrifteten Findling auf. Außerdem pflanzten sie eine Eiche vor den Stein. Viele Jahre wurde der Gedenkstein von den Schülern der Dorfschule betreut und mit Blumen geschmückt. Nach und nach geriet er in Vergessenheit.

Gedenkstein bei Högersdorf im Jahr 1946


Danksagungen:

Mein besonderer Dank gilt Frau Irmgard Gehlker, Mrs. Diana Brunello und Herrn Manfred Boehme für ihre Hilfsbereitschaft und die Überlassung des umfangreichen Dokumentenmaterials. Nicht vergessen werden sollen auch die nachfolgenden Personen, ohne deren Unterstützung, Interesse und Erinnerungsvermögen diese Dokumentation kaum zustande gekommen wäre:

Mr. Harry D. Gobrecht, 303rd. BGA; Klaus Vogelberg, Stipsdorf; Käthe Möller, Högersdorf; Dieter Möller, Högersdorf; Klaus Ramm, Högersdorf; Dieter Harfst, Westerrade; Edgar Winter, Geschendorf

Literatur:

Boehme, Jagdgeschwader 7, Motorbuch Verlag, 1983; Ethel/Price, German jets in combat, Jane´s, 1979; Galland, Die Ersten und die Letzten, Heyne, 1974; Radinger/Schick, Me 262, Aviatic Verlag, 1992; Steinhoff, In letzter Stunde, Bastei-Lübbe, 1977

Quellen:

Befragungen von Zeitzeugen und Angehörigen und deren Dokumente; Manfred Boehme: Abendmeldung OKL v. 20.3.45; geheimer Tagesbericht  8.AF v. 20.03.45; Auszüge Verlustbuch des JG 7 und weitere Informationen; Deutsche Dienststelle Berlin

Internet:

303rd. Bomb Group Association; Werk Nummer Resource Center Me-262; US-Army Air Forces, MACR

Die Veröffentlichung eines ausführlichen Berichtes zu den Ereignissen dieses Tages, sowie weiterer Recherchen zu den anderen abgestürzten B-17 sind für das heimatkundliche Jahrbuch des Kreises Segeberg (erscheint Ende 2003 / Anfang 2004) geplant!

E-MAIL an den Autor hier klicken: Michael Sappl