P-38 Lightning-Absturz bei Stellau/Wrist

am 22. Mai 1944 / von Thomas Hampel

Die Hafenanlagen von Kiel waren das Ziel dieses amerikanischen Tagesangriffs, bei dem ca. 342 B-17 Bomber und eine große Zahl von Begleitjägern eingesetzt wurden. Neben anderen Jagdgruppen, hatte auch die mit P-38 ausgestattete 364th Fighter Group den Auftrag, die „Fliegenden Festungen“ vor angreifenden deutschen Jägern zu schützen. Teile des JG 1 und der III./JG 11 stießen im Raum Kiel- Neumünster gegen 13:00 Uhr auf die einfliegenden Amerikaner. Sofort verwickelten die US-Begleitjäger die Angreifer in heftige Luftkämpfe und versuchten diese abzudrängen. Vorliegende Berichte beteiligter Piloten zeigen, dass die Kämpfe mit äußerster Verbissenheit auf beiden Seiten geführt wurden und so kam es in kürzester Zeit zu diverse Abschüssen.

Der 26-jährige Lt. Howard Kirkpatrick wurde im Luftkampf bei Wrist tödlich abgeschossen. Er flog eine 2-motorige P-38 und gehörte der 364th Fighter Group an, die an diesem Tage zwei Flugzeuge über Schleswig-Holstein verlor.

Lt. Kirkpatrick dürfte vermutlich das Opfer einer Begegnung mit Focke-Wulf 190 Jägern der 7./JG 11 geworden sein, denn die Angaben eines deutschen Piloten (Obergefreiter Kiraly) zum Abschuß einer P-38, decken sich mit den Schilderungen von Kirkpatricks Staffelkameraden. Die Lightning wurde von einer Fw 190 getroffen, ein Motor begann zu brennen und die Maschine ging sofort spiralförmig herunter. Ein Fallschirmabsprung wurde nicht beobachtet und der deutsche Jäger setzte nicht nach. Das waren die letzten Beobachtungen, bevor Kirkpatricks P-38 in der Wolkendecke verschwand.

Der 9-jährige Hans-Heinrich Steenbock, der zu dieser Zeit seine Großeltern in Wrist besuchte, wurde Augenzeuge, wie das Flugzeug plötzlich durch die Wolkendecke stieß und südwestlich von Wrist in die Stellauer Feldmark stürzte. Die umherliegenden Trümmer wurden später von der Luftwaffe eingesammelt und abgefahren. Der abgesprungene Pilot wurde von zwei polnischen Arbeitern südlich Wrist in der Gemarkung Heidrehm gefunden. Der Fallschirm hatte sich in den Ästen einer Eiche verfangen und der Flieger lag tot auf einem Kleeacker. Bei dem Aufprall hatten sich Kirkpatricks Stiefel einige Zentimeter in den Erdboden gegraben und ein offener Knöchelbruch zeugten von der Härte des Aufschlags, bei dem der junge Oberleutnant sofort den Tod fand.







Howard V. Kirkpatrick in der Kabine seiner P-38.

Schnell waren der Wrister Ortspolizist und ein Arzt aus Kellinghusen vor Ort, der nur noch den Tod des Amerikaners feststellen konnte. Wenig später traf ein Hauptmann der Luftwaffe vom Fliegerhorst Uetersen ein, worauf es zu einer kurzen Auseinandersetzung mit dem Polizisten kam, denn dieser hatte bereits den beiden Polen befohlen, den „Terrorflieger“ an Ort und Stelle zu verscharren. Der Luftwaffenoffizier setzte sich jedoch durch und es wurde nach einem Pferdefuhrwerk geschickt, um die Leiche nach Stellau auf den Friedhof bringen zu können. In der Zwischenzeit wurde die Kombination des Amerikaners durchsucht, wobei auch Fotos seiner Frau und seinen beiden Kindern gefunden wurden. Neben den obligatorischen falschen Pässen und Devisen verschiedener Länder, wurde auch seine Dienstwaffe sichergestellt. Da man die Armbanduhr des Fliegers vermisste, wurden die beiden Polen nochmals vom Ortspolizisten „eingehend verhört“.

(Anmerkung Verfasser: Manchmal wurden toten Fliegern brauchbare Gegenstände, wie Uhren oder Ringe einfach abgenommen bzw. gestohlen. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass dann oft die Fremdarbeiter als mutmaßliche Täter herhalten mußten. In einem Fall sollen Fremdarbeiter angeblich einmal eine ganze tote B-17 Besatzung entkleidet haben, um sich mit Stiefeln, Jacken und Hosen zu versorgen. Bei solchen Geschichten wird aber oft vergessen, dass Absturzstellen für Zivilisten kaum zu betreten waren, da diese sofort abgesperrt wurden. Fremdarbeiter und Kriegsgefangene waren sicher die letzte Personengruppe, die sich an einer Absturzstelle frei bewegen durfte- es sei denn, sie wurden zu Aufräumungsarbeiten eingesetzt. )

Das von der Fliegerhorstkommandantur Uetersen ausgestellte Dokument zeigt, dass Lt. Kirkpatrick noch am selben Tage in Stellau beerdigt wurde.

Der Leichnam wurde dann auf einen kleinen, heute sehr idyllischen Friedhof gebracht und ohne Sarg begraben. Merkwürdigerweise wurden keinerlei Eintragungen ins Sterbregister vorgenommen. Ein Kreuz wurde zu diesem Zeitpunkt ebenfalls nicht errichtet. Howard Kirkpatrick wurde am 18. Juli 1947 exhumiert und auf einen amerikanischen Militärfriedhof in Lüttich/Belgein überführt.