Scheinflugplatz Kleinkummerfeld

bei Neumünster, Nutzung u.a. durch JG26 / von Olaf Weddern

Holz-Modell (Originalgröße) einer Ju88 in Kleinkummerfeld

Ende der 30er Jahre begann man in Kleinkummerfeld mit der Errichtung eines Scheinflugplatzes. Sinn und Zweck dieser Anlage war es, das Interesse der feindlichen Aufklärer von Neumünster abzulenken. Während die Stadt mit seiner umfangreichen Textilindustrie, dem großen Reichsbahn-Ausbesserungswerk und nicht zuletzt dem Einsatzflugplatz ein lohnendes Ziel darstellen könnte, war hier auf dem Lande alles nur Täuschung. Es sei an dieser Stelle jedoch vorweg genommen, dass sich hier nicht ein einziger Bomber seiner Last entladen hat...

Darüber waren die Eigentümer des direkt am Platzrand liegenden Bauerhofes sicherlich recht froh, zwar hatte man ihnen einen kleinen Schutzbunker am Waldrand errichtet, aber einer möglichen Flugplatzbombardierung hätte er sicher nicht standgehalten.


Segelflugbetrieb durch das NSFK

Die geschaffene Fläche war von Anfang an aber auch mit der Option hergerichtet worden, dass sie im Notfall als Ausweichplatz für Neumünster zur Verfügung stehen sollte. Ferner konnte der Platz so durch das NSFK, Ortsgruppe Neumünster, für die Segelflugausbildung genutzt werden.

Bilder oben und unten: NSFK-Ausbildung mit Grunau-Baby und SG 38 mit und ohne Boot (1941)

Eigens für die trockene und sichere Unterbringung der Segelflugzeuge wurden zwischen den Wäldern zwei Baracken und an der Chaussee eine Baracke errichtet. Das Hochziehen der Segler erfolgte mittels einer extra dafür erstellten mobilen Winde. Der angehend Pilot musste unten die Maschine startklar melden, es folgten dann die Befehle „Seil anziehen“,“Seil straff“, beim Anrollen dann „fertig!“ und beim Abheben schließlich „frei!“. Mit dem Seil in die Höhe geschnellt durfte der Pilot sich erst nach am Boden gezeigtem Flaggensignal ausklinken. Schon nach ein bis zwei Platzrunden verlor das Gerät unmittelbar an Höhe und wurde meistens sicher gelandet. Übrigens gab es für mehrerer dieser ordnungsgemäßen Flüge dann das Segelflugabzeichen „B“ (zwei Schwingen).

Schleppwinde der Ortsgruppe Neumünster


Die Scheinflugplatz-Anlage

1941 wurde der Scheinflugplatz auch wieder für die Luftwaffe interessanter. Die Gefahr der Luftangriffe auf Deutschland wuchs und der Sinn der Täuschungsanlagen gewann an Bedeutung. Unter dem Platz-Decknamen „Boot Bl 3“ wurden immer mehr der Holz-Ju88 errichtet und auch in Bewegung gesetzt: fast täglich wurden sie mit dem „Platz-Lanz“ umhergeschleppt, um Boden-Bewegung vorzutäuschen. Splitterschutzwände aus Reetmatten waren aus der Luft nicht von echten zu unterscheiden. Die Platzbeleuchtung wurde extra eingeschaltet gelassen, damit man den Flugplatz auch erahnen konnte. Ein Fahrrad mit beleuchteten Auslegern täuschte im Dunkeln ein am Boden rollendes Flugzeug vor.

Luftbild ca. Herbst 1944, gut zu erkennen sind die Flugzeugmodelle in ihren „Splitterschutzwänden“, sowie die insgesamt drei Segelflughallen (Luftbildveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung durch Luftbilddatenbank Carls, Würzburg)

Dieses Bild aus dem Jahre 1941 zeigt wie naturgetreu die Atrappen aussahen

Im nördlichen Wald baute man direkt am Platzrand eine Steinbarracke als Unterkunft für das kleine Platzkommando. Die Herren sollen es sich bei guter Verpflegung und feinen Getränken oft recht gut gehen lassen haben...

Blich über den Westteil des Flugfeldes auf die heute als Wohnhaus genutzte Baracke, welche damals das Platzkommando beherbergte

Im Kriegstagebuch des Flughafenbereichs Schleswig ist nachzulesen, dass diese Scheinflugplätze regelmäßig besucht und kontrolliert wurden. So ist u.a. am 25.April 1942 neben Einträgen zum Fliegeralarm in Lübeck und Feindtätigkeiten über der deutschen Bucht die Besichtigung des „S-Betriebes Boot Bl 3, Kl.Kummerfeld“ nachgewiesen.

In den kommenden Jahren vernachlässigen die englischen und amerikanischen Jäger und Bomber den Platz völlig. Ob er erkannt und für uninteressant befunden wurde, oder noch gar nicht entdeckt worden ist, konnte bisher nicht geklärt werden. Am 17 Januar 1943 erfolgte in den Abendstunden eine Detonation in Platznähe, deren Ursache in der dort abgestürzten Lancaster zu finden ist. Der ausführliche Bericht ist unter Lancaster-Absturz bei Neumünster nachzulesen.


Das Jagdgeschwader 26 nutzt Kleinkummerfeld

Am 10. April 1945 wurde in Dedelsdorf der IV./JG 26 Kleinkummerfeld als neuer Horst zugewiesen (die IV.Gruppe ist aus der am 25.02.45 einverleibten III./JG 54 -Grünherzjäger- entstanden!). Die komplette Verlegung zieht sich bis zum Abend des 11. April hin und endet, aufgrund der durch fehlenden Nachschub völlig unzureichenden Ausstattung der Jagdgruppe, mit dem Auflösungsbefehl. Statt der Soll-Stärke von 52 Fw 190 D-9 verfügt die Gruppe nur noch über 22 Maschinen, von denen gerade mal drei einsatzklar sind. Die Flugzeugführer werden auf die I. und II. Gruppe verteilt und haben sich ihnen unmittelbar anzuschließen. Damit wird es in den kommenden Tagen schon wieder ruhig in Kleinkummerfeld.

Die I./JG 26 liegt währenddessen in Sülte (M.-V.). Sie erreicht der nächste Verlegungsbefehl erst am 28. April, nun auch nach Kleinkummerfeld. Für einige Piloten ist es schon der zweite Aufenthalt auf dem eigentlich viel zu kleinen Platz. Jedenfalls hat er bei den Flugzeugführern durch seine sehr kurzen Landestreifen und die gefährlich nahe vorbeilaufende Telegraphenleitung keine Sympathie erfahren. Um die Gefahren möglichst gering zu halten, wurden an der Chaussee (Neumünster – Segeberg, heute B 205) auf einer Länge von ca. 300 Meter die Allee-Bäume abgeholzt. So wurden zumindest in Nord-Süd-Richtung die ziemlich hohen Hindernisse beseitigt (noch heute ist diese Lücke in der Baumreihe auffälig). Auch die Unterbringung war nicht von bester Qualität, da entweder in einer Scheune der angrenzenden Bauernstelle oder aber auf dem Saal einer Gaststätte in Neumünster-Gadeland geschlafen werden musste.

Die plötzlich unterbrochene Baumreihe an der Chaussee nach Neumünster

Während die II. Gruppe am 30. April von Uetersen nach Neumünster verlegen soll, fliegt die I. Schon zwei Tage von Kleinkummerfeld aus Einsätze in den Kampfraum südöstlich Hamburgs.

Quellenangabe: Die Daten dieses Abschnittes entstammen u.a. dem Buch: Axel Urbanke, „Mit Fw 190 D-9 im Einsatz“, VDM 1998


Gefecht mit den Engländern

Nun stehen in beiden Orten nur ca. 10 km von einander entfernt jeweils ca. 12 D-9 für Einsätze zur Verfügung. Am 1. Mai 1945 überschlug sich auf dem Scheinflugplatz der Feldwebel Napierski mit seiner nach Luftkampf beschädigten Maschine und verletzte sich nicht unerheblich. Am Abend dieses Tages bricht schon das Vorauskommando Richtung Flensburg auf, da die englischen Truppen nur noch ca. 80 km entfernt sind und rasch voran kommen.Einen Tag darauf folgen dann auch die meisten fliegenden Teile nach Flensburg-Weiche. Zwei Flugzeuge stehen auch noch am 3. Mai in Kleinkummerfeld und werden, offensichtlich durch die in diesen Wirren leicht nachzuvollziehenden Kommunikationsschwierigkeiten, vor Ort gesprengt. Dadurch steht ein Teil des Nachkommandos noch auf dem Platz, als erste britische Radpanzer die Chaussee passieren. Bei einem kurzen Feuergefecht wird ein deutscher Luftwaffensoldat verwundet und das Wohnhaus der Bauernstelle beschädigt. Ob von deutscher Seite aus die an mehreren Stellen stehende leichte Flak zur Verteidigung genutzt wurde, ist unklar, ebenso fehlen mir jegliche Informationen zu der Einheit, die den Platzschutz durch Flak gewährleistete.

Informationen zu Scheinflugplätzen zu erhalten, gleicht einem Glücksspiel, denn durch fehlende Flugtätigkeiten wurden nur wenig Aufzeichnungen gefertigt. Dieser Bericht ist das Ergebnis von über zehn Jahren fragen, bitten, betteln, und „bohren“. Sollte jemand weitere Informationen zu Kleinkummerfeld (in der Literatur auch unter „Klein Kummersfelde“ zu finden) haben, würde ich mich sehr über einen Kontakt freuen. Ebenso interessieren mich die anderen Schein-Anlagen in Schleswig-Holstein.