Absturz einer Wellington auf ein Wohnhaus in Neumünster/Christianstraße / von Marcus Kroll, Neumünster

Es waren gerade mal drei Monate seit dem Bomberabsturz auf den Tivoli vergangen, da ereignete sich in der Nacht vom 26. zum 27.07 1942 ein noch viel schlimmeres Flugzeugunglück in Neumünster. In dieser Nacht hörte man erneut am nächtlichen Sommerhimmel über Neumünster die Luftkämpfe zwischen deutschen Nachtjägern und britischen Bombern. Man hörte das Hämmern der Bordkanonen und das Dröhnen der Flugzeugmotoren. Plötzlich näherte sich aus östlicher Richtung kommend eine angeschossene Vickers Wellington mit lichterloh brennender Tragfläche dem Erdboden. Die Menschen in ihren Häusern in der Christianstraße, Lornsenstraße und der angrenzenden Bismarckstraße ahnten noch nicht, dass in wenigen Sekunden die Hölle über sie hineinbrechen sollte. Auf einmal gab es einen ohrenbetäubenden Knall, gefolgt vom Donner eines einstürzenden Hauses. Was war passiert? Die angeschossene Wellington war seitlich auf das 3 ½  Stöckige Wohnhaus in der Christianstraße 94 gestürzt und hatte es dabei halb zum Einsturz gebracht. Die Wellington wurde dabei vollkommen in ihre Einzelteile zerlegt. Das einzige größere Trümmerstück war ein Teil der Tragfläche und wurde am nächsten Morgen auf einem Weg hinter dem Haus gefunden. Durch den ausgelaufenen Treibstoff  entstand sofort ein Brand. Durch das umher spritzende, brennende Öl/ Treibstoffgemisch wurde der zum Zeitpunkt des Absturzes vor seinem Haus Christianstraße 96 stehende Fabrikant Ernst Schütt am Kopf und im Gesicht leicht verletzt. Als erste trafen an der Unglücksstätte der stellvertretende Betriebsleiter der benachbarten Firma Electroacustic, Keifel, sowie der Ortsgruppenleiter der Ortsgruppe Schwale der NSDAP Karl Lübbert  ein. Nur wenige Minuten später traf auch ein Trupp der Feuerschutzpolizei Neumünster unter der Führung des Bezirks- Oberleutnants Jürgensen ein und begann unverzüglich mit der Betriebsfeuerwehr der Electroacustic zusammen mit der Bekämpfung des Brandes. Die Unglücksstelle wurde zunächst von den in der Nähe wohnenden Amtsträgern und Selbstschutzkräften des Reichsluftschutzbundes  und von einem besonderem Polizeiaufgebot unter Führung des damaligen Leutnants Bortchen abgesperrt. Etwas später wurde die Absturzstelle gemäß den damaligen Richtlinien für Flugzeugabsturzstellen  von einer in Neumünster stationierten Luftwaffen Einheit unter der Führung eines Major Gustav Vollert übernommen und das Polizeiaufgebot zurückgezogen.

Einsatz der russischen Zwangsarbeiter zu Aufräumarbeiten des in der Christianstraße 94 nach Flugzeugabsturz eingestürzten Hauses

Vergleichsansicht 1942 / 2000 (unten: „rotes“ Haus wurde neu errichtet)

Als es hell wurde, war das ganze Ausmaß der Katastrophe zu sehen. Trümmerteile des Flugzeuges und des Hauses waren weit verstreut und auch in die gegenüber liegende Lornsenstraße geschleudert worden. Dort lag auch in der Einmündung der Lornsenstraße ein völlig deformiertes Fahrrad das aus dem Hausflur der Nummer 94 heraus geschleudert wurde und gegen eine Hauswand flog. Nachdem am Vormittag der Brand gelöscht war, begann man mit der Suche nach Opfern. Unter den Trümmern lagen außer der britischen Besatzung noch sieben Hausbewohner. Diese waren von den Trümmermassen erdrückt worden und verbrannten. Die britische Besatzung hingegen war durch den Absturz und die darauf folgende Explosion völlig zerstückelt und verstümmelt. Eine Identifizierung war daher nicht mehr möglich. Die Freilegung der Absturzstelle, sowie die Bergung der Toten RAF- Leute und der deutschen Zivilisten wurde unter Leitung der Kriminalpolizei Neumünster von einem Kommando russischer Kriegsgefangener und ziviler Fremdarbeiter durchgeführt. Dieses Kommando stand unter dem Befehl eines Hauptmann Sonnberg aus Neumünster. Mit anwesend waren noch Vertreter des Stadtbauamtes Neumünster. Diese waren der Stadtbaumeister Sixtus sowie der Stadtbauinspektor Fölster. Die Einsargung und Bestattung der Leichen wurde dem Bestattungsunternehmen Alfred Pries in der Altonaer Straße 28/ 32 übertragen. Von der Kriminalpolizei Neumünster waren mit der Identifizierung der Toten der Kripoinspektor Rohwer sowie die Kriposekretäre Rosenkranz und Thießen beauftragt. Noch am Nachmittag des 27.07. wurde ein Zwischenbericht zu den Opferzahlen erstellt. Er sieht wie folgt aus:

“ Nach den bisherigen Feststellungen sind folgende Personenschäden entstanden:

Arbeiter Max Brunswick, Haart 54, schwer verletzt und an Verletzungen gestorben.

Karl Heinz Lenfer, Marineangehöriger, Christianstraße 94, schwer verletzt.

Bruno Schramm, Christianstraße 94, leicht verletzt.

Ernst Schütt, Christianstraße 96, leicht verletzt.

Inge Anders, Christianstraße 94, leicht verletzt

Unter Trümmern tot geborgen ist Frau Heinrich. Weitere sechs Personen werden noch vermißt.“

Am 28.07.42 besichtigte der Luftschutzsachbearbeiter Brügmann die Absturzstelle, wo die Russen mit der Bergung der zur Unkenntlichkeit zerstückelten Besatzung beschäftigt waren. Bei dieser Gelegenheit will er beobachtet haben, wie die russischen Gefangenen Schokolade verzehrten, die angeblich von der toten RAF Besatzung stammen sollte. Ob man von der Besatzung irgendwelche Papiere oder Erkennungsmarken fand, ist nicht bekannt. Die gefallenen Besatzungsmitglieder wurden am 31.07.42 mit militärischen Ehren auf dem Neumünsteraner Friedhof beigesetzt. Bestattungsunternehmer A. Pries erklärte zur Sache noch folgendes: „Ich habe die leeren Särge angefahren, und nachdem die Leichenteile vom Kommando eingesargt waren, habe ich die Särge zum Friedhof gefahren und auch dort die Beerdigung durchgeführt. Die Leichen der englischen Flieger waren bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt, so daß kaum menschliche Körperteile zu erkennen waren .“

Ein weiterer Augenzeuge des Absturzes war der im gegenüber liegendem Haus, Christianstraße 89, wohnhafte Hauptwachtmeister der Schutzpolizei Hermann Eggers. Eggers hatte gesehen, daß das Flugzeug schon in der Luft brannte und brennend abstürzte. Im Verlauf der Bergungsarbeiten stellte man fest, das sich ein Motor der Wellington bis in den Keller gebohrt hatte. Leider sind die Namen der Britischen Flieger sowie deren Einheit nicht bekannt.

Alle Fotos Archiv Marcus Kroll,

Dokumentenquelle Stadtarchiv Neumünster ( Herr Tidow )

Qualvolle Zwangsarbeit auch durch Frauen und Kinder, welche z.T. sogar ohne Schuhe in den Trümmern helfen mussten!

Nach weiterer Recherche Ergänzung durch Archiv luftfahrtspuren.de / Hampel:

Wellington IV der No. 460 Sqn, Werknummer Z1483, Kennung UV-D

F/O F.J. Breen +

Sgt J. Storey +

Sgt I.T. Tulloh +

Sgt A.A. Bice +

Sgt A.E. Tinkler +