Chuck Mercers (zweiter) Besuch in Simonsberg, Schleswig-Holstein
ein Reisebericht von Roland Geiger, St. Wendel

Prolog

Im Jahre 1996 wurde ich bei der Suche nach ehemaligen Besatzungsmitgliedern eines viermotorigen Bombers vom Typ B-17, der am 29. Januar 1944 im Kreis St. Wendel abstürzte, an Chuck Mercer verwiesen, der sich in derlei Sachen gut auskennen sollte.

Chuck antwortete prompt:

Roland Geiger,
Ich habe deinen Brief erhalten und versucht, jemanden von der Crew zu finden in der Hoffnung, daß sie vielleicht die Antworten kennen, die du suchst. Ich habe die angerufen, mit denen ich im Kriegsgefangenenlager war, und konnte keinen von ihnen finden. Sie sind vermutlich unbekannt verzogen. Ich werde weiterhin versuchen, sie zu finden.

Ich möchte dich fragen, ob du mir helfen kannst herauszufinden, wo mein Flugzeug, eine B-17, landete. Ich weiß nur seinen Namen, es hieß Barrel House Bessie. Wir bombardierten Kiel, wo wir drei Motoren durch Flaktreffer verloren und aus der Formation fielen. Wir drehten nach Norden, um Schweden zu erreichen. Kurz danach wurden wir von 18 Jägern angegriffen, die auch den letzten Motor zerschossen. Ich wurde ins rechte Bein getroffen, deshalb sagte uns der Pilot, wir sollten uns eng zusammensetzen, weil er eine Notlandung durchführen würde. Wir müssen schon irgendwo innerhalb Dänemarks gewesen sein. Wenn du irgendwie den genauen Absturzort herausfinden könntest, würde ich mich freuen und mit meiner Frau zusammen dort hinreisen, um die Familie zu finden, die meine Wunden versorgte.

Ich konnte Chuck damals nicht helfen und empfahl ihm daher, sich schriftlich an das National Archives n Washington, DC, zu wenden und seinen MACR (den Vermißtenbericht) anzufordern. Er hat darauhin nicht mehr reagiert, und ich legte den Fall zu den Akten.

Zwei Jahre gingen ins Land, und plötzlich stand mit "Heavy Bombers of the Mighty Eighth" eine Liste aller schweren Bomber der 8th Airforce zur Hand, die wir aus Holland erhalten hatten. Sie war Mitte der 90er in den USA veröffentlicht worden, und wir hatten immer wieder mal davon gehört. Kurze Zeit später fiel mir Chucks Brief von 1996 wieder in die Hände, und so prüfte ich anhand seiner Angaben, was über sein Flugzeug dort drin stand. Tatsächlich, der Absturz war verzeichnet. Als Ort war Simonsberg angegeben. Den Ort gibt's in Deutschland gottseidank nur einmal. Am 10. Februar 1998 rief ich die Gemeindeverwaltung Simonsberg an und sprach mit dem Bürgermeister, Herrn Hans Carstens. Ihm war von diesem Absturz nichts bekannt, doch versprach er, sich umzuhören. Ein paar Wochen später rief er mich zurück, ja, in Simonsberg sei im Krieg ein amerikanisches Flugzeug abgestürzt. Ich informierte Chuck, der sich sehr freute und für den kommenden Herbst sein Eintreffen ankündigte. Aus irgendeinem Grund funktionierte das aber nicht. Unser nächster Kontakt war im Februar 1999, als er mich eines Abends anrief und für Juni definitv seinen Besuch ankündigte.

Der Missing-Air-Crew-Report liegt mittlerweile vor.

B-17-F-90-BO # 42-30155
Spitzname: BARREL HOUSE BESSIE OF BASIN STREET II
305th Bomb Group
366th Bomb Squadron
zuletzt gesehen am 05.01.1944, 11.48 bei
5350N-0915E (westl. von Hamburg, Raum Stade) (???)
Basis: Chelveston, England
Missing-Air-Crew-Report 1684
Deutsche Unterlagen: KU 637, RUS 3426

die Besatzung

Pilot Percy H. Hoag 2Lt O-802751 * 28.07.1915
Copilot Lonnie B. McGee Jr. F/O T-698 * 08.03.1923
Navigator Charles B. Howell Jr. 2Lt O-738847 * 08.08.1919
Bombenschütze Hubert W. Fraker 2Lt O-750133 * 11.03.1922
Funker Albert P. Croce SSgt 39839543 * 07.04.1911
Oberer Turm Fred L. Rosenkoff SSgt 13153878 * 09.04.19__
Kugelturm Robert J. La Fontaine Sgt 31280507 * 19.05.1924
rechte Seite Burnette W. Dehtlefsen Sgt 16087733 * 13.11.1922
linke SeiteLW Charles D. Mercer Sgt 33419040 * 21.05.1922
HeckschützeTG Lyman S. Franklin Sgt 15377277 * 23.10.1923

Zeuge:
1Lt Harry J. Task jr., O-734156:
Er flog in einem anderen Flugzeug und sah um 12.48 Uhr Ortszeit, daß Motor Nr. 2 des Flugzeug Nr. 42-30155 stark qualmte und das Flugzeug nach hinten aus der Formation fiel.

Der KU-Bericht besteht u.a. aus zwei Fernschreiben:

Eine Einheit mit der Abkürzung "A LFEI # 33" meldet am 06.01.1944 um 14.30 Uhr an das Flugplatzbezirkskommando XI, Hamburg, den Abschuß einer Boeing B-17 am 5.1.44 nahe Simonsberg, 8 km südöstlich von Husum

Art des Flugzeuges: Boeing B-17
Identifizierung: auf dem Seitenrumpf K Stern Y. Großes schwarzes G in weißem Dreieck
unter dem Dreieck großes B und in gelber Schrift 230155
unter der Nummer eine große gelbe 3 sowie "U.S.Army Modell B-17-F-90-Bo"
AIR FORCE Serien-Nr. 43-30155
Auf der Nase steht BARREL HOUSE BESSIE OF BASIN STREET sowie 36 Bombenabbildungen in gelber Schrift
Grund des Absturzes: Bauchlandung nach Treffer durch deutsche Junkers 88
Angaben zur Crew: 10 Kriegsgefangene, am 6.1.44 wurden die Gefangenen nach Schleswig gebracht.
unterzeichnet durch Flugplatzleitung Husum.

Das zweite Fernschreiben datiert auf den 12. Januar1944, 15.30 Uhr, und ist von einer Einheit namens "A LFSS # 115" an das Flugplatzbezirkskommando 11/1C in Hamburg-Blankenese gerichtet. Es hat in abgekürzter Form den gleichen Inhalt.


Dienstag
15. Juni 1999

Die Amerikaner kommen am Dienstagabend an. Ich hatte ihnen am Montagmorgen noch per Email genaue Anweisungen gegeben, wie sie von der Kaiserslauterner Autobahn aus über Landstuhl - Kusel-Konken - Niederkirchen nach St. Wendel kommen würden und meine Telefonnummer auf der Arbeit mitangegeben, weil ich mit ihrem Eintreffen im Laufe des Dienstagnachmittages rechnete. Ich mache also pünktlich um vier Uhr Feierabend, sage im Domhotel in St. Wendel, wo ich die Übernacthungen gebucht habe, Bescheid (dort sind sie noch nicht) und fahre nachhause. Gegen acht gehts zurück ins Hotel - keine Amis - also findet der all-dienstagabendliche Englisch-Stammtisch doch ohne sie statt. 21 Uhr - keine Amis in Sicht. 22 Uhr - draußen vor der Tür - es ist noch hell, aber keine Amis. 2215 Uhr - das Telefon klingelt. Das Hotel ist dran, die Amis sind da. Ich schwinge mich in meine Mühle und fahre rüber. Norman Burke, der Schwiegersohn, parkt gerade mit einiger Mühe vor der Tür den Minivan ein, und ich winke ihn ein. Norman - "I'm Norm" - ist von großer Statur, breitschultrig, Bauchansatz, aber nicht dick. Man sieht ihm an, daß er zupacken kann. Er hat sich bei Coca-Cola vom Fahrer zum Fahrdienstleiter hochgearbeitet und sich später bei einer Seven-Up-Niederlassung in Kansas City eingekauft. Nach dem Verkauf seines Anteils wird er nie wieder arbeiten müssen. Seine Frau ist Jackie (Kurzform von Jacqueline), etwas zurückhaltend, aber sehr nett. Mit ihnen reist ihre Tochter Tracy, 19. Sie hat gerade ihr erstes Jahr auf dem College hinter sich und versucht stets, in den USA einen ihrer zahlreichen Verehrer anzurufen, was ihr allerdings fast nie gelingt. Sie hält sich recht gut während der nächsten vier Tage, gleichwohl sie das Thema überhaupt nicht interessiert.

Dann ist da noch Jean, Chucks Frau, klein, vollschlank, sehr energisch. Sie hat ihren Mann ziemlich fest im Griff. Ja, und natürlich Chuck selbst. Mittelgroß, drahtig mit Kugelbauch, immer am Lachen oder Grinsen, immer mit Strohhut.

Sie haben eingecheckt und jetzt Hunger. Also sitzen wir vor dem zum St. Wendeler Domhotel gehörenden griechischen Restaurant, und ich darf mal wieder die Speisekarte übersetzen. Dabei hab ich mir doch extra den Menu-Master besorgt, in dem deutsche Gerichte in Englisch erklärt werden. Das ist den Amis natürlich zu anstrengend, also heißt es "Rowland, what is that?" "Do they have chicken?" In einem griechischen Restaurant - mein Gott. French Fries sind Pommes Frites - das lernen sie schnell. Dazu gehört natürlich Ketchup. Norm will irgendwas mit Schwein - pork. What is that? Kuvslaki ??? Das ist griechisch. Keine Ahnung, probiers einfach aus. Ausgerechnet mich fragen sie, den kulinarischen Banausen. Schließlich kriegt jeder etwas, und oh Wunder, jeder ist so ziemlich zufrieden - außer "can we have some cetchup?" Die Bedienung - sehr hübsch, Norm kriegt große Augen, als sie sich nach vorne bückt - Chuck und ich allerdings auch. Dafür kriegt sie 20 Mark Trinkgeld und kann ihr Glück nicht fassen; Norm zieht die Scheine aus einem großen Bündel, als wären sie Papierschnipsel. Was that enough?

Sie sind deswegen so spät gekommen, weil die Rhein-Fahrt, die sie geplant hatten, erst mittags anfing und bis hinauf fast nach Koblenz ging. Und der Zug zurück hielt so ziemlich an jeder Station. Das kommt davon, wenn man kein Deutsch spricht und auch nicht lesen kann und in einen Nahverkehrszug statt in einen City-Express einsteigt. Also sind sie erst gegen 20 Uhr in Mainz abgefahren und haben den Weg nach St. Wendel gut gefunden.

Ich erkläre nochmals, daß ich morgen bei ihrer Saarland-Tour nicht mitfahren kann, und erläutere anhand einer Karte kurz den Weg, den sie einschlagen werden. Gegen 12 Uhr nachts fahre ich nachhause.

Mittwoch
16. Juni 1999

Morgens auf dem Weg zur Arbeit fahre ich durch die Stadt und bemerke dabei, daß ich zwar den Weg nach St. Avold ausführlich beschrieben habe, aber nicht, wie sie auf die B-41 kommen.

Abends sitze ich ab halb fünf in St. Wendel vor der evangelischen Kirche und warte mal wieder. Gegen viertel vor sechs trudeln sie endlich ein. Sie machen sich frisch und wir fahren zu uns nachhause, wo meine Frau Anne bereits mit dem Kaffee auf uns wartet. Sie hat extra zwei Kuchen gebacken, einen Sprudelkuchen und einen Erdbeerboden.

Da es aber schon spät ist, beschließen wir, zunächst die Schwenkbraten aufzulegen und dann den Erdbeerkuchen als Nachtisch zu essen. Und den Sprudelkuchen nehmen wir morgen mit nach Hamburg. Während das Fleisch vor sich hin brutzelt, erzählen unsere Gäste von ihrem Tag.

Wie ich es befürchtet hatte, fanden sie zunächst die Hauptstraße nach Süden nicht. Das amerikanische System funktioniert so, daß die Straßen mit Himmelsrichtungen angezeigt werden, während bei uns die nächgrößere Stadt gezeigt wird. Als sie nach einer Weile die B-41 fanden, fuhren sie erstmal eine Viertelstunde nach Norden statt nach Süden, bis sie merkten, daß keiner der Orte, die ich auf meiner Wegbeschreibung angegeben hatte, auftauchte. Als kehrt marsch in die andere Richtung. St. Wendel kommt und dann tatsächlich Ottweiler. Den Friedhof in St. Avold finden sie ohne Probleme, nur wird der Aufenthalt dort etwas länger als vorgesehen (ich hatte eine Stunde gerechnet, doch werden es eher drei). Chuck fand sogar einen Namen eines Besatzungsmitgliedes seiner eigenen Squadron auf dem Wall of Missing.

Irgendwann fuhren sie dann weiter nach Norden nach Borg hinter Mettlach, wo sich eine römische Ausgrabungsstätte befindet. Ich hatte angegeben, daß sich in der Mitte der Ausgrabungsstätte ein Gasthaus befindet, wo man gut essen kann. Das fanden sie nicht gleich und fragten einen Einheimischen. "Where is the tavern?" Der - des Englischen unkundig - verstand nur "täbbern" und schickte sie nach Tabern, einem Ort ein paar Kilometer weiter. Jetzt war guter Rat teuer, und man beschloß nach Orscholz weiterzufahren, wo sie zu Mittag aßen (mein Zeitplan war natürlich jetzt zum Teufel). In Orscholz suchten sie den Weg zur Saarschleife und hielten ein Stück zu früh an. Da sie keine Lust hatten, zehn Minuten durch den Wald zu laufen, fuhren sie weiter nach Mettlach. Die dortigen Geschäfte für Porzellan fanden sie ohne Probleme. Gegen kurz nach vier fuhren sie los Richtung St. Wendel anhand meiner Beschreibung und gelangten dort um viertel vor sechs an. Sie fanden zwar nicht alles, was sie nicht suchten, aber trotz allem war es ein schöner Tag geworden.

Das und noch vieles mehr erzählten sie uns abends beim Essen. Chuck, der übrigens Charles heißt und meistens "Rock" gerufen wird (Jean erklärte mir, den Namen habe er von seiner Mutter wegen seines Dickkopfes erhalten), kramte aus seiner Tasche einen Plastikbeutel hervor, der u.a. seine Hundemarken aus seiner Airforce Zeit nach dem Krieg enthielt. Nach seiner Kriegsgefangenschaft stieg er aus der Army aus und versuchte sich als Zivilist. In dieser Zeit lernte er auch seine Frau kennen, die als Telefonistin und Sekretärin im Büro eines Freundes seines Vaters arbeitete (oder so ähnlich). Er arbeitete für eine Firma, die nach sechs Monaten in unbefristeten Streik ging, wechselte zu einer Hochbaufirma, die Silos, Hochhäuser und Wassertürme errichtete, durch Vermittlung eines Freundes aus der Army. Als bei einem Unfall gleich zwei Männer von einem Wasserturm abstürzten und sich auf einer Betonplatte u.a. das Genick brachen, hatte Chuck genug. Er ließ sich seinen Lohn auszahlen, ging nachhause und sagte seiner Frau Jean, er wolle wieder bei der Army anmustern. Aus dieser war mittlerweile die Air Force entstanden, und genau ein Jahr nach seiner Entlassung am 8.10.1945 trat er wieder in die amerikanischen Streitkräfte ein. Während des Koreakrieges flog er 30 problemlose Einsätze mit der B-29 und später nach dem Krieg auch auf anderen Mustern, z.B. vier Jahre lang für das Strategic Air Command auf der B-47, seiner Meinung nach ein tolles Flugzeug, aber leider zu untermotorisiert.

Um 1970 ging er in den Ruhestand und arbeitete als Grundstücksmakler, bis ihm 1992 ein Wirbelsturm sein Büro wegpustete. Seitdem verbringt er die meiste Zeit auf einem Golfplatz.

Donnerstag
18. Juni 1999

Morgens schaue ich - wie jeden Morgen - meine emails aus meiner email-List heavy_bombers durch, melde mich durch "unsubscribe" für die nächsten vier Tage ab und schicke eine email raus an alle, die es interessieren könnte - und auch an andere.

Um halb neun treffe ich die Amerikaner im Dom-Hotel beim Frühstück an. Schnell wird der Van beladen, und wir sind fast abmarschbereit. Jackie will sich noch ein paar Schuhe kaufen, Tracy will zur Post, Jean sucht Souvenirs von St. Wendel. Also gehen wir erstmal zum ehemaligen Stier, wo man sich im Keller über die aktuellen Schuhmoden und -preise informiert. Von dort geht es zur Post, wo das Problem geklärt werden muß "wieviele Briefmarken gehören auf eine Karte nach Amerika und muß der Aufkleber 'Luftpost' mit drauf". Als Tracy damit klar ist (sie hat schon während der Wartezeit auf dem Frankfurter Flughafen zehn Postkarten ausgefüllt und versandtfertig gemacht - keine schlechte Idee, mit vorgefertigten Texten in den Urlaub zu fahren), kommt Chuck auch noch auf die Idee, Briefmarken zu kaufen; er gerät allerdings an eine Angestellte, die kein Englisch kann ... ich warte draußen, bis auch das letzte meiner Schäflein wieder draußen ist.

Weiter geht es zu Werbe-Blum am Bahnhof. Dort erstehen wir kleine Gläschen mit Wappen und Stadtbild von St. Wendel, dazu passende Schlüsselanhänger sowie einen großen Zinnteller (ich gehe jedesmal dorthin, wenn ich Amis hier habe oder wenn ich nach Amerika rüberfliege - die Amis stehen da voll drauf).

Mittlerweile ist es viertel nach zehn geworden, und wir können das zweite Ziel in Angriff nehmen: die Fahrt gen Norden.

Chuck begleitet mich im Peugeot 306, während die anderen vier im Van folgen. Zunächst fahren wir nach Kaiserslautern, um Uwe Benkel abzuholen. Uwe deckt sich noch mit Bargeld ein, klettert dann auf meinen Rücksitz (Problem: wohin mit den Beinen), und los gehts auf die Autobahn.

Ich will jetzt nicht mit der langen Fahrt und den gut 850 km langweilen, sondern nur kurz zusammenfassen, daß wir tierisches Glück haben - es gibt keine Staus, keine Extrem-Fahrer (Schieber, Aufblender oder sonstige Arschlöcher), keine Pannen und - mit einer Ausnahme - keinen Regen. Nahe Kassel muß Norm zum ersten Mal tanken, nördlich Göttingen bin ich an der Reihe. Hier in Echte hatte ich das erste Mal vor gut zehn Jahren auf dem Weg nach Lübeck angehalten, weil mir das Ortsschild so gut gefallen hat ("Echte 1000 Meter"). Damals wurden wir von einem Cafe über der Aral-Tankstelle überrascht, das guten Kaffee und sauguten Kuchen verkaufte. Vor zwei Jahren - bei unserer Fahrt nach Salzwedel - hatte das Cafe Ruhetag. Und jetzt ist es ganz zu. Die Tankstelle besteht aus einer brandneuen Halle a la Aral; das alte Gebäude ist verlassen und das Cafe dicht. Kuchen und Kaffee wird durch Fast-Food und Papptassen-Kaffee ersetzt - echt schade. Wir dinieren gegenüber an einer Würstchenbude, deren Objekte mir schon vor zwei Jahren nicht geschmeckt hatten. Diesmal sind sie auch nicht besser, ich bekomme Sodbrennen drauf und habe mittlerweile Echte echt von meiner Liste gestrichen.

Während wir weiter Richtung Norden fahren - an Hannover vorbei - erzählt uns Chuck seine Version des Absturztages:

Diese Crew, mit der er abstürzte, war nicht seine Originalcrew. Die kam im September 1943 nach England. Sie flogen drei Einsätze zusammen und erhielten einen 3-Tages-Urlaub, den sie in London verbringen wollten. Da sich die anderen aber nur amüsieren wollten (was in heftigsten Trinkgelagen ausartete), beschloß Chuck, einen Tag früher zurückzukehren und sich tüchtig auszuschlafen. Er schlief noch tief, als ein Offizier in die Hütte kam, ihn weckte und sagte: "Mission today" (heute Einsatz). "Aber ich habe doch frei!" "Nicht mehr, du fliegst als Ersatzmann für Hoags rechten Seitenschützen." Seine reguläre Position war in der Kugel unter dem Flugzeugrumpf. Start und Anflug erfolgten ohne besondere Vorkommnisse, sie warfen ihre Bomben ab und wurden unmittelbar danach von der Flak getroffen. Zwei Motoren fielen aus. Der Pilot versuchte nach Schweden zu fliegen, um in dem neutralen Land notlanden zu können. Aber das war zu weit für sie. Er drehte Richtung Deutschland zurück. Im Anflug wurden sie von deutschen Jägern angegriffen. Chuck schoß auf die Angreifer, und die schossen zurück. Ein 20-mm-Geschoß explodierte nicht weit von ihm entfernt und überschüttete ihn mit Splittern, die sich tief in sein rechtes Bein oberhalb des Knies bohrten. Einige Splitter sitzen dort heute noch. Der deutsche Arzt, der ihn später untersuchte, sagte ihm, wenn man nichts daran machen würde, würde auch nichts damit geschehen. Eine Operation könne kompliziert und sehr gefährlich für sein Bein werden.

Die Männer steigen in den Funkraum, setzen ich auf den Boden und drücken sich gegen die Wände und Verstrebungen. Das Flugzeug setzt auf und rutscht über den Boden. Es liegt Schnee, nur ein paar Zentimeter hoch, vielleicht ist es deswegen so gut gerutscht. Über einen Graben hinweg, dann bleibt es liegen. Alle springen hinaus, Chuck wird von zwei Kameraden hinausgetragen bzw. sie fassen links und rechts unter und helfen ihm hinaus. Eine Fw 190 kreist über dem Flugzeug; da sie befürchten, daß er sie mit Bordwaffen angreift, springen sie in einen Graben, der sich neben dem Feld entlangzieht. Sie bemerken nicht, daß der Boden des Grabens mit Eis bedeckt ist, bis dieses zerbricht und sie bis zu den Knien in eiskaltem Wasser stehen, das schnell ihre Stiefel durchdringt. Sie werden getrennt; die Männer werden zu einem Gasthaus geführt und dort vornedran aufgestellt, während Chuck in ein nahegelegenes Haus gebracht wird. Hier legt man ihn auf einen Tisch. Eine Frau schneidet ihm das Hosenbein herunter; sie hat ein bißchen zu tun, bis sie sich durch die verschiedenen Lagen Kleidung hindurchgeschnitten hat. Während sie schneidet, weint sie. Chuck nimmt deswegen an, sie seien in Dänemark und die Frau weine, weil er verletzt und weil er gefangen worden sei. Tatsächlich hat die Frau wohl Mitleid mit ihm. Die Wunde wird gesäubert, eine Bandage angelegt. Zwei Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, schenkt er die Schokoladeriegel, die er in seiner Uniform bei sich trägt; er denkt sich, lieber gebe ich sie den Kindern, nachher werden sie mir wohl eh abgeholt. Zu Fuß humpelt er zu dem Gasthaus, wo er seine Kameraden wiedertrifft. Eine Wache fragt, ob er hungrig sei und bringt ihm einen großen Teller Nudeleintopf. Während des Essens kommt ein deutscher Offizier vorbei und redet ihn auf Deutsch an. Chuck kann ihn zwar nicht verstehen, sieht aber, daß der andere vermutlich Pilot ist.

Die Männer werden in eine Art Bus verladen und zu einem größeren Ort mit Eisenbahnanschluß gebracht, der etwa eine halbe Stunde entfernt liegt (vermutlich Schleswig). Dort setzt man sie in den Zug nach Oberursel bei Frankfurt, wo die Auswertestelle West liegt. In Hamburg werden die Waggons getauscht. In Oberursel werden sie verhört, aber die Deutschen wollen fast nur Bestätigungen dessen, was sie sowieso schon wissen.

Chuck bleibt fast einen Monat lang im nahegelegenen Hospital Hohemark, um seine Wunden zu kurieren. Dort lernt er einen Engländer namens Bader kennen, einen hochdekorierten Jägerpiloten. Bader hatte bei einem Flugunfall als Kadett beide Beine verloren; als die RAF aber gute Piloten für die Schlacht um England brauchte, meldete er sich trotz seiner Prothesen und bewies, daß man ihm eine Maschine anvertrauen konnte. Er war Squadron Leader, als er bei einem Flug über Deutschland abgeschossen wurde. Sein zweites Paar Prothesen lag in England. Auf seine Bitte hin setzten sich die Deutschen mit den Briten in Verbindung, einer Mosquito wurde freies Geleit zugesagt und gewährt, sie flog nach Frankfurt und warf die Prothesen an einem Fallschirm über Oberursel ab. Bader bekam seine Beine - und unternahm zwei Tage später einen Fluchtversuch. In der Straßenbahn nach Frankfurt wurde er wieder gefaßt. Bader wurde nach dem Krieg in England zum Ritter geschlagen.

Chuck versuchte nach dem Krieg, zweimal mit ihm in Verbindung zu treten. Während seines ersten Europabesuches um 1980 war Sir Bader auf Vortragsreise in die Vereinigten Staaten geflogen, beim zweiten Besuch drei Jahre später erfuhr Chuck, daß Bader ein halbes Jahr vorher gestorben sei.

Nach seiner Genesung wird er ins Stalag Luft 6 bei Heydekrug nahe der Stadt Königsberg in Ostpreußen verlegt, wo er bis zum 21. Juli.1944 bleibt. Dann wird er ins Stalag Luft 1 verlegt, wo er bis zur Befreiung durch die Russen bleibt.

Zu diesem Zeitpunkt ist Hubert Zemke, das amerikanische Fliegeras, inoffizieller Kommandant des Lagers, der bestimmt, das niemand das Lager verlassen darf, bis sie evakuiert werden. Es gibt einige Leute, denen das egal war, und Chuck gehört zu ihnen. Am Tag nach dem Eintreffen der Russen besucht er mit einem Kameraden die Stadt Barth, wo sie mit einer Familie Ludwig in Kontakt kommen, Chuck kann sich an die beiden Töchter noch genau erinnern, eine von ihnen hieß Elsa. Von ihnen erfuhren sie, wo sie etwas zu trinken bekommen könnten. Das war im Keller eines nahegelegenen Hauses; das Besäufnis muß furchtbar gewesen sein, denn Chuck weiß nur noch davon, daß er in einem Bett in der Wohnung der Ludwigs wieder zu sich kam.

Sie kehren ins Lager zurück, wo Zemke mittlerweile seinen Befehl ausgesprochen hat. Schnell wieder nach draußen. Sie versuchen, sich auf eigene Faust durchzuschlagen, finden zwei Pferde und reiten los - allerdings in die falsche Richtung. Nach etwa einem Monat kehren sie zurück und melden alle verwundeten Deutschen und Russen, die sie unterwegs gesehen hatten. Man verspricht, unverzüglich Hilfe loszuschicken.

Die Kriegsgefangenen-Kartei beschreibt Chuck wie folgt:

Name Mercer
Vornamen Charles D.
Dienstgrad Sgt
Funktion A/G
Matrikel-No 33 419 040
Geburtstag 21.5.22
Geburtsort Leetsdale, Penna.
Religion Presbiter
Zivilberuf Schweisser
Staatsangehörigkeit USA
Truppenteil U.S.S.A.A.F

Abschuß am 5.1.44 bei Hamburg, Flugzeugtyp: B-17

(an diesem Punkt erzählt Chuck gerne eine Geschichte, nämlich, daß die Deutschen angenommen hätten, er sei ein Engel; in der Kartei steht nämlich auf Englisch: how did you get there - from above. Dabei handelt es sich um die falsche Übersetzung der folgenden Frage auf der Karte)

Gefangennahme an wie oben

Nähere Personalbeschreibung

Figur schlank
Größe 5 Fuß 9½ inches
Schädelform länglich
Haare braun
Gewicht 72 kg
Gesichtsform länglich
Gesichtsfarbe gesund
Augen blau
Nase gerade
Bart Schnurrbart
Gebiß gesund

Ein Photo von vorne ist der Karte angeheftet, außerdem der Abdruck des rechten Zeigefingers.


Wir nähern uns Hamburg. Hier geht's dann Schlag auf Schlag. Binnen zehn Minuten sackte das Thermometer von 27 auf 19 Grad Celsius ab, es begann zu tropfen, und dann geht die Sicht runter auf weniger als 100 Meter. Das Wasser steht zentimeterhoch auf der Straße, als wir uns dem Elbtunnel nähern. Dann geht es tief hinunter in die Röhre und wieder hinauf ans relative Tageslicht - fast 3 km lang. Kurz vorm Tunnel und drinnen auch zwei-, dreimal hat Norm mir Lichthupsignale gegeben, aber ich konnte nicht anhalten, um zu sehen, was los ist. Das geht erst nach ein paar weiteren Kilometern, als ich sowieso anhalten will, weil ich und Uwe und Chuck mal mußten. Die Damen hintendran auch, deshalb die Lichthupe.

Wir haben die A1 verlassen und sind über die A7 weiter nach Nordwesten vorgestoßen. Bei Itzehoe gibt es ein kurzes Stück ohne Autobahn, wo wir auch prompt in einen Stau hineingeraten, der sich innerhalb zehn Minuten wieder auflöst, ohne daß jemand erkennen kann, wie er überhaupt entstanden ist. Dann gibts wieder Autobahn - ganz leer, außer uns natürlich. Mit gut 180 gehts in einem weiten Bogen über das brettebene Land - ein Buckel führt über den Nordostsee-Kanal, dann geht es weiter bis nach Heide. Links eine große Industrieanlage, rechts jede Menge Windräder. Die Autobahn ist zu Ende, noch 30 Kilometer bis Simonsberg. Jetzt wird es Zeit, Herrn Carstens, den Bürgermeister von Simonsberg, anzurufen, damit der uns am Ortseingang abholt. Uwe ruft per Handy an, während ich draußen ein paar Photos mache. Toller Anblick. Ganz links das Meer, darüber blauer Himmel, durchsetzt von ein paar weißen und einer dunklen Wolke, die von Norden heranweht, rechts hinten dicke, dunkle Wolken, die nach links hin immer heller werden und schließlich in dünne, faserige Wolken auslaufen. Dazu ein teilweise schneidender, kalter Wind, der vom Meer her bläst, in dieses Wolkenchaos hinein. Er treibt es vom Meer weg Richtung landeinwärts. Genau die richtige Richtung, weg von dort, wo wir hinwollen. Eine Herde junger Rinder, die 100 m von der Straße weg weiden, wird unserer gewahr, fängt an zu muhen und gallopiert Richtung Straße. Jean im Auto hintendran fängt laut an zu lachen und äußert die Vermutung, entweder hätte ich etwas an den Beinen, was sie anzieht, oder sie würden mich als ihre Mutter ansehen. Findet jeder ziemlich lustig, naja, außer ich vielleicht.

Uwe spricht per Handy mit Frau Carstens, die ihn anweist, wir sollen an der Vosskuhle auf sie warten. Auf der Fahrt dorthin - was auch immer das sein mag - haben wir viel Spaß dabei, uns vorzustellen, was das Wort wohl bedeuten mag. Nachdem wir einige Orte mit seltsamen Namen passiert haben wie Witzwort und Oldenswort (Wort kommt von Istft, also ein künstlich aufgeworfener Hügel - so erkläre es mir Bernd, der Chef des Hotels Lundenbergsand später), erreichen wir die Vosskuhle - es ist eine Gastwirtschaft mit Fremdenzimmer, direkt an der Abfahrt nach Simonsberg gelegen, ehedem ein landwirtschaftlicher Betrieb.

Wir halten vor der Tür auf dem Parkplatz an, und keine Minute später hält neben uns ein Pkw, aus Simonsberg kommend. Aus steigen Hans Carstens, seines Zeichens Bürgermeister und Amtsvorsteher der Gemeinde Simonsberg, und seine Ehefrau Anke, die von der Insel Pellworm stammt - weia, ist das wieder ne Sache, bis die Amis wissen, wie man Anke ausspricht, das variiert von Änkie bis Anka, vor allem das stumme "e" am Schluß kriegen sie einfach nicht auf die Reihe. Bürgermeister Carstens ist ungefähr so, wie ich ihn mir am Telefon vorgestellt hatte, irgendwo zwischen 50 und 60, mittelgroß, schlank, weiße Haare, und vor allem sehr sympathisch. Seine Frau dagegen habe ich mir von den zwei Telefonaten her ganz anders vorgestellt (eher älter); sie dürfte etwa so alt sein wie ihr Mann, aber ich hat sie mir ein ganzes Stückchen kleiner vorgestellt.

Es ist mittlerweile reichlich kühl geworden, obwohl noch die Sonne scheint, aber der Wind pfeift scharf durch die flache Landschaft. Herr Carstens schlägt vor, auf dem Weg zum Hotel an der Absturzstelle vorbeizufahren, jedenfalls der Absturzstelle, die ihm die Augenzeugen genannt hatten. Er fährt vornweg die Straße nach Simonsberg und wir hinterdrein. Erst geht es ein gut Stück geradeaus, dann einen alten Deich hinauf - den Westerdeich, wie wir später erfahren - und oben links ab. Der Deich ist breit genug, daß Häuser darauf Platz haben, an denen die schmale Straße vorbeiführt. Ein paar hundert Meter weiter gehts rechts vom Deich runter auf einen einspurigen Feldweg, der nur in den Fahrrinnen asphaltiert ist. Hier läßt es sich gut, wenn auch nicht schnell fahren. Schon nach wenigen Sekunden biegen wir nach links auf eine Wiese und halten. Herr Carstens erläutert uns (und ich übersetze), wie die Augenzeugen das Flugzeug über einen ein Stück weiter entfernten Deich kommen, nur noch etwa dreißig Meter hoch, und dann auf eine Wiese aufsetzen und bis dort drüben hin rutschen sahen. Chuck wird ganz aufgeregt, als ihm bewußt wird, daß er hier schon einmal gewesen ist, vor mehr als einem halben Menschenleben. Die Szene paßt richtig gut zu unserer Mission, die breite und grüne, doch leere Wiese, dahinter der schutzbietende Deich, mit hohen Bäumen bewachsen, in denen sich ein paar Häuser verstecken, darüber von schlimmen Zeiten kündend dicke schwartzblaue Gewitterwolken (die allerdings schnell weiterziehen).

Morgen mittag werden wir wieder kommen und hier die Augenzeugen treffen.

Weiter geht es zum Hotel, und das ist gut. Denn mir wird kalt, ich bin müde und habe Hunger. Und muß furchtbar wohin. Gut, daß Familie Carstens uns abgeholt hat, ich hätte den Weg zum Hotel nie gefunden, vielleicht noch mit einer Karte. Wir fahren etliche Deichkronen entlang, biegen immer wieder ab und nähern uns schließlich einem weiteren hohen Deich, der von links nach rechts die ganze sichtbare Welt umspannt. Dahinter liegt die Nordsee; sehen konnte man sie nicht, aber riechen.

Unser Hotel heißt "Lundenbergsand" und hat drei Sterne. Es ist gemütlich eingerichtet, vorn ein großer Parkplatz, der von einer Boje geziert wird. Das Dach ist mit Reed gedeckt. Zunächst kommt man in einen kleinen Vorraum, der das Draußen vom Drinnen abtrennt, dann in die Gaststube. Links geht es zwei Stufen hoch durch eine Tür, auf der das für mich absolut unverständliche Wort "Fruuns" stand (erst viel später erfahre ich, daß das "Frauen" heißt, weil es dort auch zur Damentoilette geht). Dort gelangt man in den Wohntrakt. Unsere Zimmer liegen im ersten Stock, Nrn. 9, 10 und 11. Uwe und ich teilen uns Zimmer 10, die "ole Stuv" (wenn ich mich recht erinnere). Es ist ein gemütliches Zimmer mit zwei getrennten Betten, einem schönen alten Holzschrank und einer Kommode, ein kleines TV-Gerät, das wir nicht brauchten, und einem kleinen Tisch. In einer Ecke ist das Badezimmer eingerichtet. Hier kann man seine Ferien verbringen.

Hotel Lundenbergsand
das reetgedeckte Hotel direkt an der Nordsee
Inhaber: Bernd Peters
Lundenbergweg 3
25813 Simonsberg b Husum, Nordsee
Telefon: 04841 / 83 93 0 Fax: 04841 / 83 93 50
e-mail: Hotel.Lundenbergsand@t-online.de

Eigentlich wollte ich das Meer sehen, aber bis wir eingecheckt hatten und wieder nach unten gingen, ist es schon fast dunkel. Unten im Gastraum erwartet uns Jens Voss, ein Reporter der Husumer Nachrichten. Er kommt oft zu uns, fast jeden Abend, um mit uns über alles mögliche zu klönen. Er erzählt mir von seinen Aktivitäten, die viel mit seinen guten Kontakten in Amerika zu tun hatten: von einem Ballspiel, das nur in Nordfriesland gespielt und von Auswanderern in die USA exportiert wird; von dem Pferd, das der Polizei von Chikago geschenkt wird; von Husum, das in Chikago besser bekannt ist als Hamburg. Und vieles mehr.

Die Küche hat nur bis 21 Uhr auf, also belassen wir es bei Spiegeleiern auf Bratkartoffeln (die schmeckten allerdings so gut, daß ich sie auch an den beiden folgenden Abenden aß). Jens gibt ne Runde Warsteiner aus, Norm zieht nach, keine Ahnung, wer das dritte Bier bezahlt, für mich ist es genug. Im Übermut und zur Beruhigung meines Magens trinke ich noch einen Malteser Aquavit. Und weil Uwe das Zeug nicht kennt, mit ihm zusammen noch einen. Damit ist der Abend für mich erledigt. Ich kann mich an alles erinnern und zwar sehr genau, aber ich bin mir nicht sicher, ob der Nebel, der mein Blickfeld einengt, vor oder hinter meinen Augen wogt.


Freitag
18. Juni 1999

Ich werde wach, stelle fest, daß ich gut sieben Stunden gut geschlafen habe, außerdem, daß ich nicht mehr einschlafen werde, wofür u.a. der Baumfäller im Nachbarbett sorgen wird, also ziehe ich mich an und unternehme einen Frühmorgenspaziergang. Die Sonne scheint durch die Wolken hindurch, die von starkem Wind über den Himmel gejagt werden, als ich das Hotel durch den Hintereingang verlasse und den Deich hinaufsteige. So ein Mist, da ist überhaupt kein Wasser. Das ist gut 500 Meter entfernt, und dazwischen liegt eine breite grüne Zone, die ziemlich morastig aussieht. Hinter dem Deich geht die Luft ziemlich stark, aber hier oben bläst es einen fast weg. Geradeaus kann ich die ehemalige Insel Nordstrand erkennen, die durch einen Damm mit dem Festland zur Rechten verbunden ist. Rechts - da drüben in der Kurve - sehe ich die Dächer und Türme von Husum. Dort fahren wir heute morgen hin.

Ich drehe mich um und schaue mir die Landschaft hinterm Deich an. Rechts macht der Deich einen großen Bogen und setzt sich nach Süden fort. Da vorn liegt unser Hotel zwischen Bäumen und Büschen versteckt. Vor mir zieht ein weiterer Deich weg ins Landesinnere, auf seiner Krone führt eine Straße entlang. Weiter hinten erkenne ich die Häuser von Simonsberg, die sich eng an die Innenseite von alten Deichen drängen.

Zurück im Hotel brummt Uwe immer noch vor sich, also nehme ich Papier und Kugelschreiber, setze mich im Gang vor der Tür auf einen Stuhl und mache mir Notizen. Drinnen wird das Gebrumme durch Stöhnen ersetzt, dann von Poltern, als er ins Bad stolpert. Irgendwann wird er fertig, und dann bin ich dran.

Als ich eine halbe Stunde später zum Frühstück hinunterkomme, sitzen nur Norm und Uwe da. Die anderen trudeln der Reihe nach ein, müde und verschlafen, als letzte die jüngste, Tracy. Es gibt ein großes Frühstücksbuffet mit Wurst, Käse, Marmelade, Salaten, aber mir reichen morgens eine Tasse Kaffee und ein belegtes Brot. Wenn ich den Amerikanern noch lange zuschaue - vor allem, was Norm mit seinem gekochten Ei anstellt, wird mir fast schlecht. Um kurz nach neun schaut Anke Carstens herein, sie wird heute morgen unsere Führerin sein, weil ihr Mann anderweitig beschäftigt ist.

Es dauert ein bißchen, bis alle Schafe zusammen sind, dann wandern wir hinauf auf den Deich, um sicherzugehen, daß das Meer tatsächlich nicht da ist. Norm geht zurück, um das Auto zu holen. Mein 306 bleibt am Hotel. Wir fahren den Deich entlang Richtung Husum und halten nach ein paar hundert Metern wieder an. Hier liegt an der Deichinnenseite ein kleiner See, der durch einen Tunnel durch den Deich mit Meerwasser gespeist werden kann. Die Schleuse dazu liegt auf der anderen Deichseite. Wir haben jetzt Ebbe - low tide - und entlang des Priels - das ist eine Fahrrinne, in der selbst bei Ebbe noch Wasser steht - kann man Schlammfelder sehen und eingerammte Pfahlreihen, durch kleine Äste verknüpft. So wird früher Land gewonnen; die Flut brachte den Schlamm mit, der sich dann absetzte und beim Einsetzen der Ebbe in den Pfahlreihen hängenblieb. Mittlerweile sind die Landgewinnungsmaßnahmen eingestellt worden. Am dunklen Streifen an den Wänden der Schleuse, die man hier Siel nennt, kann man erkennen, wie hoch das Wasser bei Flut steigen wird. Da möchte ich nicht hineingeraten.

Weiter geht die Fahrt nach Husum hinein. Wir passieren jede Menge Windräder in allen Größen. Auf einem öffentlichen Parkplatz wird das Auto abgestellt, und wir spazieren in die Fußgängerzone. In einer Buchhandlung durchstöbere ich mit Uwe zusammen die regionalgeschichtliche Abteilung, und tatsächlich finden wir auch ein kleines Heft über Husum in Kriegszeiten, darin einen Aufsatz über den Husumer Flugplatz (Jürgen Dietrich, "Die letzten Kriegsmonate in Husum".

Ich kaufe mir noch ein Buch über die versunkene Stadt Rungholt. Kennen Sie die?

Irgendwann in den Siebzigern blätterte ich in einer extrem langweiligen Deutschstunde auf dem Gumminasium in unserem Lesebuch "Wort ohne Sinn" oder so ähnlich und gelangte an Detlef von Liliencrons Gedicht "Trutz blanke Hans". Darin wird von der Stadt Rungholt berichtet, die im 14. Jahrhundert während der "Großen Mandränke" im Meer versank. Diese riesige Sturmflut zerfetzte einen großen Landstrich, wovon - besonders nach einer weiteren Flut im frühen 17. Jahrhundert - nur noch die Inseln Pellworm, Amrum und Nordstrand und ein paar kleine Halligen überblieben.


Detlev von Liliencron
Trutz, blanke Hans

Heut bin ich über Rungholt gefahren,
die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren.
Noch schlagen die Wellen da wild und empört,
wie damals, als sie die Marschen zerstört.
Die Maschine des Dampfers zitterte, stöhnte,
aus den Wassern rief es unheimlich und höhnte:
Trutz, blanke Hans.

Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden,
liegen die friesischen Inseln im Frieden.
Und Zeugen weltenvernichtender Wut,
taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut.
Die Möwe zankt schon auf wachsenden Watten,
der Seehund sonnt sich auf sandigen Platten.
Trutz, blanke Hans.


Im Ozean, mitten, schläft bis zur Stunde
ein Ungeheuer, tief auf dem Grunde.
Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand,
die Schwanzflosse spielt bei Brasiliens Sand.
Es zieht, sechs Stunden, den Atem nach innen,
und treibt ihn, sechs Stunden, wieder von hinnen.
Trutz, blanke Hans.

Doch einmal in jedem Jahrhundert entlassen
die Kiemen gewaltige Wassermassen.
Dann holt das Untier tiefen Atem ein
und peitscht die Wellen und schläft wieder ein.
Viel tausend Menschen im Nordland ertrinken,
viel reiche Länder und Städte versinken.
Trutz, blanke Hans.

Rungholt ist reich und wird immer reicher,
kein Korn mehr faßt selbst der größte Speicher.
Wie zur Blütezeit im alten Rom
staut hier täglich der Menschenstrom.
Die Sänften tragen Syrer und Mohren,
mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren.
Trutz, blanke Hans.

Auf allen Märkten, auf allen Gassen
lärmende Leute, betrunkene Massen.
Sie ziehn am Abend hinaus auf den Deich:
"Wir trutzen dir, blanker Hans, Nordseeteich!"
Und wie sie drohend die Fäuste ballen,
zieht leis aus dem Schlamm der Krake die Krallen.
Trutz, blanke Hans.

Die Wasser ebben, die Vögel ruhen,
der liebe Gott geht auf leisesten Schuhen.
Der Mond zieht am Himmel gelassen die Bahn,
belächelt der protzigen Rungholter Wahn.
Von Brasilien glänzt bis zu Norwegs Riffen
das Meer wie schlafender Stahl, der geschliffen.
Trutz, blanke Hans.

Und überall Friede, im Meer, in den Landen.
Plötzlich wie Ruf eines Raubtiers in Banden:
Das Scheusal wälzte sich, atmete tief
und schloß die Augen wieder und schlief.
Und rauschende, schwarze, langmähnige Wogen
kommen wie rasende Rosse geflogen.
Trutz, blanke Hans.

Ein einziger Schrei - die Stadt ist versunken,
und Hunderttausende sind ertrunken.
Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch,
schwamm andern Tags der stumme Fisch.
Heut bin ich über Rungholt gefahren,
die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren.
Trutz, blanke Hans?

Dieses Gedicht - vor allem die erste Zeile - ging mir später immer wieder durch den Kopf, wenn ich die Insel Pellworm auf einer Karte sah, ohne daß ich mich aber erinnerte, woher diese Zeile stammte. Erst als ich auf der Karte nachschaute, wo Simonsberg liegt, fiel mir der Name "Rungholt" wieder ein, ich stöberte im Internet und fand prompt eine ganze Arbeit darüber: Rungholt - Sage und Wirklichkeit. Autor ist Jörn Hagemeister. Dieses Bändchen von 1979 beschäftigt sich mit der Autentizität Rungholts und versucht diese mit Funden im Schlick und den lokalen Archiven zu untermauern.

Nach der Buchhandlung suche ich einen Kopierladen auf, in dem man auch Kopien machen kann, und lasse mir von der relativ lustlosen Verkäuferin ein paar POW-Bulletins aus dem Jahre 1944 kopieren, die Chuck mitgebracht hat.

Während des Kopierens kommt Uwe hinzu, der unsere Schäfchen aus den Augen verloren hat. Passieren kann nix, Frau Carstens ist ja bei ihnen. Wir nutzen daher die ungewohnte Gelegenheit dazu, im Hafen in aller Ruhe eine Tasse Kaffee zu trinken. Dann bummeln wir noch ein bißchen durch die Husumer Innenstadt. Auch hier rentiert es sich - wie auch bei uns in St. Wendel - seine Augen nicht auf die Erdgeschosse der Häuser, sondern auf die darüberliegenden Stockwerke zu richten. Die Fassaden sind stellenweise richtig toll anzuschauen. In der Stadtpassage kaufe ich im Handarbeitsgeschäft Marianne Meyer ein Wandtuch für Anne und komme mit der Verkäuferin ins Gespräch, die mir prompt von einem weiteren Flugzeugabsturz erzählt. Nicht hier oben in Schleswig-Holstein, sondern im Kreis Stade in Niedersachsen, irgendwann 1944. Sie sah das Flugzeug in der Luft, als es plötzlich zu brennen begann und auseinanderbrach, während die Crew gerade ausgestiegen ist. Ich denke, hier lohnte es sich nachzufassen.

Eine gute Stunde später auf dem Rückweg zum Auto treffen wir die Gruppe wieder. Sie haben eine Zeitlang gebummelt und dabei drei paar Schuhe und sonstiges eingekauft.

Als wir eine Eisdiele passieren, gefällt Chuck das Eis-Arrangement einiger jugendlicher Kunden so gut, daß er extra zurückgeht, um die Gruppe - mit den Eisbechern - zu photographieren.

Gegen 13 Uhr sind wir wieder zurück im Hotel, um uns frischzumachen, und hauen uns noch ein paar Minuten aufs Ohr. Um viertel vor zwei wird Herr Carstens kommen, dann geht's zur Absturzstelle.


Herr Carstens ist pünktlich, im Gegensatz zu uns. Kurz vor zwei rollen wir endlich los über die Deiche hinüber in den Obbenskoog und halten wie gestern auf der Wiese an. Weitere Fahrzeug kommen hinzu, und plötzlich ist der Weg voller Leute:

die drei Augenzeugen Johannes Matthiesen, Walter Thomsen und Walter Bees

Fritz Koal, ehemaliger Pilot der deutschen Luftwaffe (6. Staffel, 2. Gruppe JG 27), der in Husum wohnt, in Begleitung des Bundeswehrpiloten Siegfried Gründer, ebenfalls aus Husum,

Jens Voss als Vertreter der lokalen Presse,

Hans und Anke Carstens, unsere Gastgeber,

Chuck Mercer als unmittelbar Beteiligter mit Begleitung, bestehend aus seiner Frau Jean, Schwiegersohn Norm Burke und seiner Frau Jackie sowie deren Tochter Tracy,

und - finally - Uwe Benkel und ich, Reiseführer und Initiatoren.

Herr Carstens versucht sich in einer Begrüßung und Hinführung zum Thema, die ich relativ simultan übersetze. Er kommt indes nicht weit und wird gleich vom Hauptaugenzeugen, Johannes Matthiesen, unterbrochen, der sich Chuck schnappt und mit ihm eine (über mich als Übersetzer geführte) Unterhaltung beginnt. Es ist interessant, den beiden zuzusehen, wie sie sich gegenseitig Informationen und Daten zuwerfen, wobei fast jede Bemerkung eines der beiden bei dem anderen ein Strahlen auf dem Gesicht entstehen läßt oder gar eine Ergänzung erzeugt.

Hier ist eine Zusammenfassung über das, was Johannes Matthiesen erzählt:
Er war elf Jahre alt und wohnte auf Westerdeich, zwei Häuser neben dem Haus, in das Chuck gebracht wurde. Er sah das Flugzeug tief näherkommen, mindestens drei Mortoren standen. Dann setzte es auf einer Fenne (Weide) am Obbenskoog auf und schlidderte Richtung Westerdeich (Entfernung ca. 500 m). Es überquerte den Obbenskoogweg (genau da, wo wir jetzt standen), riß ein Holztor um (das traf die Tragfläche zwischen Nr. 2 und dem Rumpf) und rutschte weiter auf die Weide unterhalb des Hauses, die heute noch Matthiesen gehört. Heute ist dort eine Viehtränke, davor blieb es liegen. Matthiesen erinnert sich, daß seine Großeltern in der Küchentur standen, die Hände auf den unteren Teil der Tür gelegt, und regungslos das näherkommende Flugzeug betrachteten.

Hinter dem Flugzeug blieb ein langer Trümmerstreifen zurück. Es blieb dann liegen, hinten rechts öffnete sich eine Tür, und Männer kamen heraus. Über ihnen kreiste eine Focke Wulf 190. Einer der Männer ist verwundet; man brachte ihn ins Haus von Matthiesens Onkel Johannes Möller (das mittlere von dreien) in die Küche und legte ihn auf den Tisch. Dort wird er von Matthiesens Tante, Annemarie Martens, versorgt. Von einer anderen Tante, Anna Jensen, erhält er trockene Strümpfe, weil seine klitschnaß sind. Als er versorgt ist, bringt man ihn zu den anderen zum Gasthaus am Dreisprung.

Das deutsche Flugzeug ist weggeflogen, dafür kommt mit einem Kübelwagen ein deutscher Pilot angefahren, der behauptet, das Flugzeug abgeschossen zu haben (lt. Jens Voss handelt es sich dabei um Unteroffizier Franz Steiner, 1./JG 11)

Matthiesen ist mit seinen Kameraden oft im Flugzeug und nimmt allerhand nützliche (und unnütze) Dinge mit. Sie spielen mit den Kontrollen und bewegen damit das Ruder und die Klappen im Heck.

Etwa im April wird das Flugzeug auseinandergebaut. Zuerst werden die Motoren durch Flaschenzüge, die an großen Dreibeinen stehen, weggehievt und dann mit den abgeschweißten Tragflächen auf einen Anhänger verladen, von einer Raupe über den Obbenkoogsweg zur Hauptstraße gebracht und abtransportiert.

Die anderen beiden Augenzeugen bestätigen in etwa das, was Matthiesen erzählt. Thomsen, damals 13 Jahre alt, erinnert sich deutlich an die Schokolade, die sie von den Amerikanern erhielten; zuerst traute sich keiner davon zu essen, weil jeder meinte, sie sei vergiftet. Bees war der Meinung, einen Farbigen bei der Besatzung gesehen zu haben, wobei sich nach Rückfrage bei Chuck herausstellte, daß ein Besatzungsmitglied spanisch-mexikanische Vorfahren hatte. Natürlich gibt es immer wieder kleine Diskrepanzen, aber als einer meint, es sei nicht Matthiesens Wiese, sondern die nebendran, sieht dieser fast rot. Bürgermeister Carstens kann gerade noch einen handfesten Streit im Zaume abbrechen.

Carstens gibt mir später eine Kopie einer Landkarte in DIN A3, die von Herwig Feddersen aus Simonsberg beschriftet wurde. Er hat dazu folgenden Text geschrieben:

1.) Notlandung eines amerikanischen Flugzeuges = 4 stehende Rotore
2) beobachtet = 1944 an einem Tag ca. 12.00 Uhr (Frühjahr?)
3) Standort = Albertshof (Haubarg - heute naturhistorisches Museum) am Walldeich
4) aus der Erinnerung hatte das Flugzeug am Beobachtungspunkt noch eine Flughöhe von ca. 25 m
5) mit der Witzworter Schule unter dem Lehrer Herrn L. Oesau wurde das Flugzeug einige Tage nach dem Absturz, zusammen mit einigen Schülern, aufgesucht
Bruder Gerd erinnert sich, daß die Rotorblätter sehr stark verformt waren

Es werden zahllose Photos geschossen, Gruppenbilder mit deutschen Pilot und Amerikaner und ohne beide und mit einem oder dem anderen mit Wiese im Hintergrund und ohne und so weiter.

Schließlich lädt Herr Carstens alle in unser Hotel zu einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen ein. Auf dem Weg dorthin halten wir noch an dem Haus an, in das man Chuck brachte. Der Eigentümer, Herr Krottnaurer, ist so freundlich, uns in die Küche hineinzulassen, in der Chuck damals von Frau Martens verarztet wurde.

Dann fahren wir zurück zum Hotel. Gottseidank sind noch andere da, die ein wenig Englisch können, so kann ich mich unbesorgt und relativ wenig unterbrochen meiner Tasse Kaffee widmen und mich auch mit anderen Leuten unterhalten, ohne laufend gerufen zu werden "Roland, übersetz mal".

Gegen fünf werden auch die hartnäckigsten langsam müde und verabschieden sich. Wir haben für heute abend nichts weiteres geplant. Die Gruppe zerstreut sich in alle Winde. Ich gehe zusammen mit Uwe ein bißchem am Deich entlang spazieren. Ein paar Surfer gleiten auf ihren Brettern dort vorbei, wo heute morgen noch relativ festes, zumindest nicht wasserbedecktes Land gewesen ist. Vorn am "Badestrand" verläßt gerade ein nasses Pärchen nicht mehr ganz neuer, will schreiben älterer Baureihe das Wasser, stellt sich auf die Wiese, die den Deich hinaufführt, läßt alle Hüllen fallen und trocknet sich ab. Yough. Vorn steht ein Mann und läßt einen Lenkdrachen steigen, mit zwei Seilen lenkt er ihn nach links und rechts oder hält ihn zig Meter über sich in der Schwebe. Das geht bestimmt gut in die Arme.

Als wir wieder zurückkommen, haben wir beschlossen, nochmals zur Absturzstelle zu fahren, wo Uwe heute mittag mit dem Metalldetektor entlanggegangen war und das Ding tatsächlich ein paar mal gepiept hat. Vielleicht finden wir ein schönes Teil, das Chuck als Souvenir mit nachhause nehmen kann. Wir werden fündig, und finden ein Teil, von dem wir hofften, gerade das nicht zu finden: ein völlig intaktes, nicht abgeschossenes Kaliber-50-Maschinengewehr-Geschoß. Ein bißchen weiter liegen zwei Stücke, die zum Kugelturm gehören könnten, und noch etwas weiter finden wir 20 cm tief ein großes Pferdehufeisen, das durchaus zu einem der Pferde gehört haben könnte, die damals die Teile wegbrachten.

Als wir zurückkommen, erzählen wir Chuck erstmal nichts davon. Erst abends, als wir unten beim Abendessen sitzen, nehme ich die Teile aus dem Auto, gehe zu unserem Tisch und heiße Chuck aufstehen und zu mir zu kommen. Ich frage ihn, ob er mich belogen habe, ob er sicher sein, daß sein Flugzeug ein Bomber gewesen sei und nicht etwa ein Viehtransporter, und halte ihm das Hufeisen unter die Nase. Er ist einen Moment verdutzt, lacht dann und entgegnet, das hätten sie damals gebraucht, dann seien sie vielleicht nicht abgestürzt. Die anderen Teile, vor allem die Munition, wird mit sichtlichem Interesse aufgenommen, auch von den anderen am Tisch. Tracy war das deutsche Essen wohl nicht bekommen, sie benötigte etwas anderes für ihren amerikanischen Magen. Also brach sie mit ihrem Vater nach Husum auf, kehrten zurück, weil sie ihr Ziel nicht finden konnten, und zogen wieder los, diesmal angeführt von Jens Voss. Das Ziel war M-C-Donald; auf typisch amerikanische Art ließen sie sich das Zeug verpacken und brachten es mit zurück ins Hotel, setzten sich an den Tisch ungeniert neben den Chef des Hauses, Bernd Peters, und verspeisten es. Manchmal vermisse ich bei den Amerikanern etwas die Kultur.

Es wird wieder spät, vor allem, als der Leiter des Husumer Fremdenverkehrsamtes, Roland Wolf, auftaucht, dessen Wahlheimat Florida ist. Er unterhält sich lange und breit mit Chuck, der ja ebenfalls in Florida wohnt. Er weist uns auf die Bergung einer englischen Maschine um 1991 im Schlick vor Husum hin, wozu er uns eine Kopie des Zeitungsartikels zusenden will. Gut müde fallen wir gegen kurz nach eins in die Koje.

Samstag
19. Juni 1999

Herr Carstens schaut um halb zehn beim Frühstück vorbei, wo er auf Johannes Matthiesen trifft, den ich am Abend zuvor noch angerufen hatte, um ihm von unserem Fund zu berichten, weil damit die Absturzstelle, die er uns gezeigt hat, absolut sicher festgestellt ist. Beide bestaunen die Fundstücke und machen noch ein paar Fotos dazu.

Nachdem alle auf und fertig sind, das dauert heut morgen ein bißchen länger, fahren wir wieder nach Husum hinein. Auf dem Weg dorthin halten wir bei einer Töpferei am Wegesrand an, die mir schon ein paarmal aufgefallen war. Zwar ist sie geschlossen, aber der Lebensgefährte der Töpferin macht uns gerne auf. Ich kaufe ein brotscheibengroßes Schild mit der Aufschrift "Badezimmer", das gut an unsere Tür zu diesem Raum paßt.

Weiter geht es nach Husum. Am Hafen bestaunen wir einen hohen Mast mit Extrem-Flutständen, lassen uns in der Tourist-Information Friesennerze schenken und durchstreifen die Stadt. Schließlich landen wir in einer Eisdiele, wo ich einen dringend benötigten Cappucino drinke. Die Amis haben schon wieder Fast-Food-Hunger, also kaufen sie in einer nebendran gelegenen Imbißstube ein und bringen die Sachen in die Eisdiele mit. Da hilft auch kein Augenverdrehen, das ist nun einmal so.

Auf dem Rückweg fahren wir nach Finkhaus, einem Vorort von Simonsberg. Dort hat der lokale Ringreiterclub auf einer baumumstandenen Wiese sein jährliches Treffen, auf dem der Ringreiter-König oder die Königin ausgewählt wird. Stellen Sie sich zwei Stangen vor, eine links, eine rechts, dazwischen hängt eine Schnur mit einem Magneten dran, an dem Magneten senkrecht nach unten eine Art 5 cm langer Pfeil, unten abgeschlossen von einem etwa 5 cm (eher weniger) durchmessenden Ring. Jeder Reiter muß im Galopp auf den Ring zureiten und versuchen, mit einer spitzen Lanze hindurchzustechen und den Pfeil abzureißen. Für den landesüblichen Fußballfreak mag das ungefähr so interessant erscheinen wie das amerikanische Baseball-Spiel, aber es erfordert ungeheure Geschicklichkeit, mit der Geschwindigkeit dieses kleine Ziel zu treffen. Bei mir käme allerdings noch das Problem hinzu, daß ich erstmal aufs Hottehüh hinaufmüßte, ohne gleich wieder runterzufallen...

Parallel dazu kann jederman seine ruhige Hand (das war was für mich, hah!) beweisen und mit einem Luftgewehr auf eine etwa 10 m entfernte Scheibe schießen. Verflixt, die Dinger haben keinen Druckpunkt, mein erster Schuß hätte beinahe ein Pferd auf der benachbarten Wiese getroffen. Der zweite trifft die Scheibe, nicht die kleine Zielscheibe, sondern die große weiße hintendran (die aus stabilem Holz), immerhin nur einen guten Meter breit - und das auf zehn Meter. Der dritte Schuß landet gar auf der Pappscheibe. Ich rufe Chuck, damit er beweisen kann, ob noch etwas von seiner Treffsicherheit als WaistGunner übrig war, he, nicht schlecht für einen alten Mann! Norm schießt fast den Vogel ab, die ersten beiden Schüsse landen genau in der Mitte, der Dritte nur auf der 11. Mit der 12 hätte er einen Preis gewonnen.

Herr Carstens arrangiert, daß wir mit den Reitern Kaffee trinken können. Dies bezahlt auch wiederum die Gemeinde Simonsberg. Wir werden also um drei in den Saal des direkt nebenanliegenden Kindergartens geführt, wo wir an einer langen Reihe Holztische Platz nehmen. Ein lokales Blasorchester spielt zum Kaffee auf, und prompt kommt der Peterburger Marsch (kenne ich noch aus meiner Zeit im Baltersweiler Musikverein, Marschrevue, Nummer vier). Als sie "do wird die Wutz geschlacht" spielen, rufe ich Herrn Carstens zu, daß sei Uwes Nationalhymne. Er versteht den Witz zwar nicht direkt, aber Uwe den Seitenhieb. Kann er gar nicht drüber lachen. Als schließlich aber das Kuhsteiner - tschuldigung - Kufsteiner Lied kommt, möchte ich auf die Karte schauen, ob wir ggf. bei Mannheim falsch abgebogen sind.

Der Ringreiterverein hat ein Jubiläum, denn der Vorsitzende hält eine kleine Ansprache, von der ich trotz Dialekt einiges mitbekomme. Als er aber den Bürgermeister ums Wort bittet, ist es vorbei; ich verstehe kein Wort mehr. Anke Carstens muß laut lachen, als sie die blöden, weil verständnislosen Gesichter von Uwe und mir sieht - wir verstehen nur Bahnhof und Abfahrt.

Gegen vier kommt die endgültige Ausscheidung, wer nun Ringreiterkönig wird. Jeder reitet so lange auf eine noch kleinere Ausgabe von Ringen los, bis der erste drei Stück erbeutet hat. Da aber jeder die gleiche Anzahl von Versuchen hat, geht das für zwei oder drei Reiter unentschieden aus. Und sie machen weiter. Ausgerechnet eine der jüngsten Reiterinnen, und zwar die auf dem kleinsten Pferd, gewinnt. Manche wollen wohl die Ehre gar nicht, wie mir gesagt wird, denn der Spaß kostet übers Jahr bis zu 6000 Mark, weil der König öfters schon mal ne Runde schmeißen muß. Das Mädchen - so sagt man mir - ist noch in der Ausbildung, also muß ihr Vater ran.

Anke Carstens lacht auch nicht mehr lange, denn gleich erfährt sie, daß der traditionelle Schnaps bei ihr zuhause getrunken wird. Also fahren wir alle zu Carstens nachhause. Die Amis wollen zwar nicht mehr, sie sind müde oder unlustig oder was auch immer, aber jetzt habe ich ein bißchen die Nase voll von den unbedachten und ungewollten Unhöflichkeiten und bestimme, daß wir zur Familie Carstens mitfahren. Es gibt keinen Widerspruch, also gehen wir zum Auto und fahren hinüber. Herr Carstens hat schon einen Schleichweg genommen und ist vor uns da. Sein Anwesen ist ein ehemaliger Bauernhof - wie er uns erzählt. Er hat ihn von seinen Eltern geerbt, doch nachdem sich seine beiden Söhne entschieden, anderen Berufen nachzugehen, hat er vor ein paar Jahren den Betrieb aufgegeben und teilweise verpachtet. Was geblieben ist, sind die Gebäude und ein Hund. Jetzt ist er "nur" noch Bürgermeister und Amtsvorsteher der Gemeinde Simonsberg. Und Jäger. Der ausgestopfte Fasan und der Fuchs, die im Flur stehen, sehen wirklich toll aus.

Wir setzen uns vors Haus und warten auf die Reiter. Da hört man schon die Blasmusik, dort von der Hauptstraße her kommen sie. Vornweg ein Traktor mit Anhänger, darauf sitzt die Musikkapelle und tutet. Dahinter kommen in zwei parallelen Reihen die Pferde mit ihren Reitern, vorneweg die neue Königin auf ihrem Mini-Pferd. Der Schimmel (oder ist es ein Falbe?) frißt munter an dem Kranz aus Blättern, den man ihm um den Hals gehängt hat. Viel ist nicht mehr dran. Sie versammeln sich auf dem Hof vor den Gebäuden, sitzen aber nicht ab. So ist's Tradition. Der ebenso traditionelle Schnaps besteht aus Cognac, Selters und Mineralwasser, es ist eine sehr erfrischende, goldgelbe Mischung. Kurze Reden werden gehalten, die Königin bedankt sich, ich verstehe kein Wort, die Musik setzt wieder ein. Ein stämmiges schwarzes Roß gerät ins Schleudern, als das Hum-ta-ta plötzlich wieder beginnt. Die Reiterin bringt sich und Pferd in Sicherheit. Man bzw. pferd formiert sich und reitet von dannen, die Musik wieder vorne weg. Auf der Straße sieht es aus wie im Krieg, überall Tretminen.

Wir bedanken uns bei unseren Gastgebern (wie immer werden dabei ganze Filme verknipst) und fahren zurück ins Hotel. Eigentlich wollte ich mich nur ein bißchen hinlegen, aber es wird ne gute Stunde draus, und hätte Jean nicht geklopft, wäre ich an dem Tag nicht mehr wach geworden. Also gehen wir runter zum Abendessen. Chuck und Jean und Tracy sind da, die anderen beiden sind auf ihrem Zimmer oder weggefahren, ich weiß nicht mehr. Eine unangenehme Szene steht noch bevor: mit dem Essen fertig, fragt Jean nach dem Kuchen, den meine Frau Anne selbst gebacken hat und der noch bei mir im Auto steht. Ich sage, komm raus, dann geb ich dir ein Stück. Nein, bring es hier herein. Ins Restaurant? Nein, das mache ich nicht, das gehört sich nicht, es ist unhöflich. Sie zieht einen Schmollmund, und ich bleibe hart. Schließlich gebe ich insofern doch nach, daß ich ihr ein Stück aufs Zimmer hinauf bringe.

Später sitzen wir wieder unten, als der Wirt, Bernd, vorbeischaut und fragt, ob wir an einem weiteren Augenzeugen interessiert seien. Jean und Chuck sind schon müde zu Bett gegangen, aber klar, sagen wir. Bernd hat mit Stammgästen gesprochen und von dem Ami erzählt, der bei ihm übernachtet. Als er von dem Flugzeug sprach, hat einer seiner Gäste sich sofort daran erinnert. Das habe ich gesehen, sagte er.

Fritz Johannsen aus dem Nachbarort Witzwort gesellt sich mit seiner Frau zu uns. Er erzählt:

Er war 11 Jahre alt und wohnte auf Finkenhaushallig. Er kam von der Schule nachhause und sah den viermortorigen Bomber immer tiefer kommen. Über ihm flog eine zweimotorige deutsche Maschine, die triumphierend mit den Flügeln wackelte. Fritz lief nachhause, wo seine Eltern am Mittagstisch saßen. Er rief seinem Vater zu, was passiert war, der ihm zunächst aber kein Wort glaubte. Dann sprangen sie aufs Fahrrad und radelten hin. Das Flugzeug war schon verlassen, aber ein Amerikaner war wohl wieder zurückgegangen.

Die Besatzung wurde gefangengenommen und zu der nahegelegenen Gaststätte gebracht. Dort wurden sie vor einer Mauer aufgestellt. Ein Mann fuchtelte mit einer Pistole herum und hätte sie wohl alle gern erschossen. Aber es geschah nichts mit ihnen.

Einer der Amerikaner gab Fritz ein Stück runder Blockschokolade; Fritz war nur einmal in der Maschine; er erinnert sich gut an den Verbindungssteg im Bombenschacht (Catwalk). Irgendwie bekamen sie oben eine Klappe auf, in der das Schlauchboot lag. Sie zerrten es raus und kümmerten sich nicht mehr darum; als sie auf der Tragfläche herumkletterten, machte es plötzlich "plopp", und das gelbe Schlauchboot blies sich auf.

Seine Beschreibung deckt sich mit dem, was mir der Top Turret Gunner Fred Rosenkoff aus Miami, Florida, vor ein paar Wochen am Telefon erzählt hat:

Nach der Bauchlandung wurden sie aus dem Flugzeug geholt und in einer Reihe aufgestellt; er dachte, sie würden alle erschossen werden; ein Mann zielte ihm mit einem kleinen Gewehr mitten zwischen die Augen; doch es passierte nichts; Soldaten der Luftwaffe kamen und brachten sie zu einem nahegelegenen Flugplatz; dort trafen sie auf deutsche Jägerpiloten, die sagten, sie hätten sie abgeschossen. Es gab nur einen Verletzten: Mercer. Er wurde verletzt, als während der Landung die deutschen Jäger das Flugzeug beschossen. Rosenkoff hat voriges Jahr eine Deutschlandreise gemacht und dabei auch das Lager bei Krems in Österreich besucht.

Und der Vollständigkeit halber hier noch die Aussage des rechten Waist Gunners, also Chuck Mercers Gegenpart, Burnette Dethlefsen aus Greenville, Michigan:

Das Flugzeug wurde getroffen, und zwei Motoren fielen aus; der Pilot lenkte es Richtung Westen über die Nordsee; sie waren alles raus, um die Mühle leichter zu machen, die MGs, die Munition, alles, was etwas wog und sich hinauswerfen ließ. Trotzdem merkten sie irgendwann, daß es nicht reichte, und der Pilot wandte das Flugzeug nach Deutschland zurück. Eine Landung in der Nordsee wäre Selbstmord gewesen; vor der Küste wurden sie von deutschen Jägern empfangen, die auf sie schossen. Sie setzten zu einer Bauchlandung an, während die Deutschen noch schossen; Chuck Mercer, der linke Seitenschütze, wurde durch ein 20mm Geschoß am Bein verletzt (Chuck gehörte nicht zur ursprünglichen Besatzung, sondern war Ersatzmann für den Original-Schützen Cameron, der kurze Zeit zuvor mit einer anderen Besatzung abgeschossen wurde - er überlebte als Einziger). Die Bruchlandung erfolgte hinter der Scheunes eines Bauernhofes. Der Bauer kam mit einer Pistole gelaufen und holte die Männer aus dem Flugzeug. Kurze Zeit darauf kamen Männer der Luftwaffe und brachten sie zu einem nahegelegenen Flugplatz. Von dort ging es mit dem Zug nach Frankfurt, wo ihnen viele, viele Fragen gestellt wurden; nach ein paar Tagen ging es dann weiter nach Krems, Österreich, ins Stalag Luft XVII. Der Pilot Hoag und der Co-Pilot McGee sind vermutlich schon verstorben.


Sonntag
20. Juni 1999

Das Wetter ändert sich; der Himmel ist bedeckt, und Herr Johannsen, der morgens nochmal vorbeikommt, um sich mit Chuck zu unterhalten, sagt: "Heut mittag haben wir Regen!" Johannsen bringt Rapshonig mit aus eigener Züchtung, für jeden ein großes Glas.

Dann heißt es Abschied nehmen. Abends zuvor hatte ich mit Norm den weiteren Fahrtweg besprochen. Heute geht es nach Barth nahe Stralsund an der Ostsee, wo früher das Stalag Luft 1 war, dort bleiben sie zwei Tage und treffen Frau Radau, die Stadtarchivarin von Barth. Dienstag fahren sie nach Nürnberg und übernachten dort. Mittwoch geht es weiter nach Berchtesgarden. Donnerstag fahren sie durch den Schwarzwald - Chuck will sich eine Kuckucksuhr kaufen. Freitagabend wollen sie in Frankfurt sein, denn am Samstag fliegen die Burkes wieder zurück. Chuck und Jean bleiben noch einen Tag länger und fliegen am Sonntag zurück. Viel geplant haben sie vorher nicht, deshalb gebe ich ihnen den Rat, jeweils in der Tourist Information sich zu erkundigen, wo sie am nächsten Tag übernachten können.

Als Uwe und ich auschecken wollen, erleben wir eine Überraschung. Chuck und Norm haben die Rechnung vollständig bezahlt; Chuck steckt mir sogar noch Geld zu, um die Rückfahrt zu finanzieren. Habe ich jetzt ein schlechtes Gewissen, weil ich mich ein paar mal über die ungehobelten Amis geärgert habe? Nein, eigentlich nicht. Ohne unser Engagement hätte die ganze Reise nicht stattgefunden, und Chuck hätte nie erfahren, wo er abgestürzt war. Er hatte immer gemeint, das sei in Dänemark gewesen. Jemand anders hatte ihm gar einmal gesagt, es sei in der ehemaligen DDR gewesen.

Fünf kräftige Umarmungen, ein letztes Photo, ein Hupen - dann sind sie fort. Wir verabschieden uns von unserem Wirt Bernd, der gerade den Hund Gassi führt. Dann machen auch wir uns auf den Weg.

Wir fahren nach Schleswig auf die Autobahn nach Süden. Im Nachhinein stellt sich heraus, daß derselbe Weg zurück über Heide eine bessere Alternative gewesen wäre, denn diese Hauptstrecke über Schleswig ist proppevoll - mit Autos und Baustellen. Hamburg kommt und geht, dann Hannover. Auf der Hinfahrt hat mich Uwe schon drauf hingewiesen, und so fahren wir Hannover-Laatzen ab, um uns Leonhards Luftfahrtmuseum anzuschauen. Aus der geplanten halben Stunde werden 90 Minuten, und dann finden wir die Autobahnauffahrt wegen Bauarbeiten gesperrt. Die Umleitung führt uns eine gute Stunde mitten durch die Walachei. Dann finden wir die Autobahn wieder.

Uwe macht ein tolles Photo von einem Motorradfahrer, der kurzsichtig ist, aber partout mein Nummernschild lesen will. Als er mir via Lichthupe zu verstehen gibt, daß er es doch lesen konnte, bitte ich Uwe, diesen freundlichen Herrn zu photographieren und auch dessen Nummernschild, so daß ich ihm einen lieben Gruß nachschicken kann. Sonst verläuft die Fahrt ereignislos, erst kurz vor Frankfurt fängt es an zu regnen. In Oberursel machen wir kurz halt, um nach der ehemaligen Auswertestelle West zu schauen, wo alle abgeschossenen Flieger zum Verhör hinkamen. Wir finden es - wie in einem Schreiben der USAAF von 1946 beschrieben - 300 yards entfernt von der Straßenbahnstation Kupferhammer. Es ist die spätere amerikanische Kaserne Camp King, die seit fünf Jahren leer steht.

Über Mainz und quer durch die Pfalz fahre ich nach Kaiserslautern, wo ich Uwe absetze, und dann nachhause. Drei Kilometer mehr - und es wären exakt 900 km gewesen.


Mittwochs drauf

Mitten im Chaos in meinem Arbeitszimmer fällt mir ein Photo in die Hand; die darauf abgebildete B-17, die sich gerade für den Start fertig macht, ist Barrel House Bessie of Basin Street 2. Chucks Flugzeug.