Abschuß einer Me 262 am 30. März 1945 bei Hemdingen

/ von Thomas Hampel

Zwischen Dezember 1944 und Anfang April 1945 lag auf dem Flugplatz Kaltenkirchen die I./ Gruppe des Jagdgeschwaders 7. Die Einheit war mit Strahlflugzeugen vom Typ Messerschmitt Me 262 ausgerüstet und operierte bei ihren Abwehreinsätzen von Kaltenkirchen aus bis in den Berliner Raum. An diesem Karfreitag des Jahres 1945 herrschte auf dem Platz Kaltenkirchen rege Flugtätigkeit. Teile der I./JG 7 befanden sich um die Mittagszeit im Einsatz gegen amerikanische Bomber im Raum Hamburg und Schleswig- Holstein. Leutnant Erich Schulte, Flugzeugführer in der 2./JG 7 startete gegen 13:30 in Kaltenkirchen mit seinem Flügelmann, um den Platzschutz für heimkehrende Maschine zu übernehmen. Der 25-Jährige war ein erfahrener Flieger,der bereits in Afrika und später bei der II./JG 6 flog. In Kaltenkirchen war er ebenfalls als Technischer Offizier eingesetzt. Seine Umschulung auf die Me 262 dürfte im Dezember 44 oder Januar 45 erfolgt sein. Das dieses Flugzeug trotz aller technischer Neuheiten doch noch seine technischen Probleme hatte, mußte Erich Schulte an diesem Tage offenbar mit seinem Leben bezahlen. Schon beim Start gab es Probleme mit den Jumo 004 Triebwerken, die nicht richtig auf Touren kamen und das Flugzeug nur unzureichend beschleunigten.

Capt. Robert Sargent von der 339th US Fighter Group schoß Lt. Schulte kurz nach dem Start ab. Sequenzen aus seinem Abschußflim können nachfolgend eingesehen werden. Sein Abschußbericht und der seines Flügelmanns Lt. Kunz befinden sich am Ende dieses Beitrages. Schultes Rottenflieger konnte den beiden P-51 unbehelligt entkommen. Die als „Rat Catching“ bezeichnete Methode, d.h. die Überwachung der deutschen Flugplätze durch Vorab-Jagdeinheiten führte auch hier zum erwünschten Erfolg, da die schnellen Jets besonders beim Start und bei Landung am verwundbarsten waren.

Schultes Me 262 kurz nach dem Start. Weißer Qualm verrät einen Triebwerkschaden.

Nach den ersten Treffern ist das Schicksal Schultes besiegelt.

Die Kabinenhaube der Me 262 wird abgeworfen.

Lt. Schulte steigt in niedriger Höhe aus.

Aufschlagbrand im Himmelmoor bei Hemdingen.

Der Landwirt Johann B. aus Hemdingen wurde Zeuge des Vorfalls. Als Junge hörte er das Schießen der tieffliegenden Flugzeuge und die nachfolgende Detonation. Nach einem kurzen Spurt über einige Wiesen befand er sich bei der Absturzstelle. Der deutsche Pilot lag nur wenige Meter vom eigentlichen Absturort der Me 262 auf einer Wiese. Schulte hatte eine Verwundung im Unterleib und war für ca. 10 Minuten noch ansprechbar. Er sagte seinen Namen und gab auch seinen Wohnort an. Desweiteren schilderte er dem Jungen aufgeregt, das die Turbinen nicht auf den nötigen Schub kamen. Trotz herbeigeeilter Gemeindeschwester verstarb Schulte kurze Zeit später. Er wurde auf dem Friedhof Kaltenkirchen beigesetzt, wo sich sein Grab noch heute befindet. Seine Verlobte und seine Eltern in Hamm wurden wohl erst später über seinen Tod informiert. Die Familie Schulte konnte jedenfalls erst im August 1945 ihre Todesanzeige aufgeben.

Die wenigen Reste der Maschine wurden von einem Bergetrupp des Flugplatzes Kaltenkirchen auf einen Opel- Blitz verladen und abgeholt. Vorher wurde das Gelände unter Mithilfe der örtlichen Hitlerjugend abgesucht und alle Wrackteile eingesammelt. Damit schien zunächst einmal Gras über die Sache gewachsen zu sein. In den 70er Jahren sorgten dann einige MORGENPOST- Berichte nochmals für etwas Wirbel, als der Versicherungskaufmann Lohse aus Elmshorn nach Resten der Maschine suchte. Dabei wurde er von einigen Bundeswehrpionieren (s.Foto) und dem Kampfmittelräumdienst des Landes Schleswig- Holstein unterstützt.

Nachsuche im Himmelmoor durch Pioniere und Landwirt B. (1973)

Im Rahmen dieser Zeitungsberichte kam die Vermutung auf, das Lt.Schulte von den Amerikanern hilflos am Schirm beschossen wurde. Dies war zu Ende des Krieges auf beiden Seiten eine durchaus gängige Praxis, fand jedoch in diesem Fall keine konkrete Bestätigung. Die nun vorliegenden Abschußfotos und die Combat Reports der US-Piloten lassen eher den Schluß zu, das Schulte in zu niedriger Flughöhe aussteigen mußte, wobei sich der Schirm nicht mehr voll entfalten konnte. Dem interessierten Leser empfehle ich, sich den Bericht des US-Piloten Lt. Kunz einmal genauer durchzulesen. Offenbar geriet Schulte beim Verlassen der Maschine in eine Salve seiner P-51, da er ebenfalls noch auf die Me 262 schoß. Bei der o.a. Nachsuche konnten noch einige Kleinteile der Me 262 gefunden werden. Ansonsten rückte man unverrichteter Dinge ab.

Bei meinen Nachforschungen über den Flugplatz Kaltenkirchen befragte ich den Landwirt 1996 nochmals. Wir suchten die Absturzstelle auf und er schilderte mir den Hergang sehr bildhaft. Bei einer weiteren Suche im Gelände kamen noch diverse Blechfetzen und ein Turbinenrad des Triebwerks zu Tage. Es steckte seit über 50 Jahren wie ein „Kung-Fu-Stern“ senkrecht im Moorboden.



Nahezu vollständig erhaltenes Turbinenrad der Me 262 aus dem Himmelmoor.

Nach diesem Fund begab ich mich auf die Suche nach genaueren Informationen über den Absturz des Lt. Schulte. Dazu forschte ich in in-und ausländischen Archiven, kontaktete ehemalige Piloten und Historiker. Nach einiger Zeit konnte ich einen noch lebenden Bruder des toten Fliegers ausfindig machen, der mir weiteres persönliches Material überließ. Dank seiner Aufgeschlossenheit, der Hilfe von Zeitzeugen, sowie der Unterstützung befreundeter Luftfahrthistoriker, konnten die Geschehnisse des 30. März 1945 recht gut rekonstruiert werden und nun in dieser verkürzten Schilderung dem Leser zur Verfügung gestellt werden.


Encounter Report Captain Robert F. Sargent

a.Combat, b.30 March 1945, c.504 Fighter Squadron (339th FG), d.1330, e. Vicinity of Kaltenkirchen Airfield, f.7/10 Clouds, g.Me-262, h.1 Me-262 destroyed (Air), i.Capt. ROBERT F. SARGENT, 0-435406, 504 Ftr.Sq.

On the 30th of March on an escort mission to Hamburg I was leading Green Flight In the target area approximately nine (9) ME-262´s passed head-on through our squadron, the entire squadron broke and the chase was on. In the confusion which followed I took several out of range shots at two jets and then found that I was alone at 12,000 feet. At this time WHITE FOUR (Lt.Kunz) joined up with me and we flew beneath the bomber stream back to the target area. We had stooged around in the area for two or three minutes when I saw 2 e/a taking off from Kaltenkirchen airfield. I called them in and we split-essed down on them. Unfortunately due to their camouflage we lost them for a second and then when we got down to their level I was able to pick up just one of them. From here on it was easy. My air speed was 450 miles an hour and I estimated his as being about 250 miles per hour, as we closed I gave him a long burst and noticed strikes immediately, the left unit began to pour white smoke and large pieces including the canopy came off. The pilot bailed out. We were at 300 feet at this time and the plane dove into the ground and exploded causing a large oil like fire which went out almost at once. The pilot´s chute did not fully open. and the last I saw of him was on the ground near the plane with the chute streaming out behind him. Lt.Kunz did a splended job of covering my tail and after the encounter we pulled up and looked for the second jet but when we sited him he was going bail out for central Germany and we couldn´t over take him. Being low on gas we then set course for home.

I claim one (1) Me-262 destroyed.

ROBERT F. SARGENT

Capt. Air Corps

504th Ftr.Sq.

Statement Lt.Kunz

On 30 March 1945 I was WHITE FOUR on an escort mission to Hamburg. Near the target three flights of ME-262´s passed four P-51´s so I opened up at extreme range and observed another ship of our squadron all alone. It turned out to be Green Leader, Captain Sargent. I took his wing and we headed back to the target area. Suddenly Captain Sargent called in bandits taking off from Kaltenkirchen A/F, so from 10,000 feet we dove in pursuit. Haze and a 3/10 cloud cover make it difficult to keep them in sight. Captain Sargent closed on the last one and clobbered him with first burst. He over-ran the E/A and I fired as the jet went in from 300 feet. The explosion was violent, but the fire went out very quickly. The other bandit evaded in haze and cloud.I did not leave my wingman position for fear that more E/A might be following these two in takeoff order. I verify Captain Sargent´s claim of one Me-262 destroyed.

LEONARD A. KUNZ

2nd Lt. Air Corps

504th Ftr.Sq.