Bauchlandung einer Wellington bei Tönning / von Thomas Hampel

In der Nacht vom 10. auf den 11.Mai 1941 waren Hamburg und Berlin das Ziel eines RAF Angriffs, bei dem etwa 115 Bomber eingesetzt wurden.

Wellingtons der No. 115 Squadron starteten von ihrem Einsatzort Marham in England und nahmen Kurs auf die Deutsche Bucht. Schon der Anflug auf Hamburg, gestaltete sich durch schweres Flakabwehrfeuer als recht schwierig. Deutsche Nachtjäger warteten in ihren zugeteilten Räumen auf die ein- und abfliegenden Briten. Sieben Maschinen des Bomber Command, die Hamburg angriffen, gingen in dieser Nacht verloren.

Perfekte Bauchlandung auf einem Acker bei Tönning. Der Squadroncode „KO“ der No.115 Squadron ist deutlich zu erkennen

Eine Maschine der No. 115 Sqn (R1379), die von Sgt J. Anderson geflogen wurde, hatte bereits einige schwere Flaktreffer erhalten. Die Hydraulik war ausgefallen und der Heckstand mit den rückwärtigen Abwehrwaffen war nicht mehr zu bedienen. Die gesamte Besatzung beobachtete nun aufgeregt den Nachthimmel, um den Piloten rechtzeitig vor möglichen Nachtjägern zu warnen. Die Flak hatte zwar aufgehört zu feuern, aber die Scheinwerferbatterien waren noch immer aktiv und erfaßten die Wellington.

Lt. Eckhart-Wilhelm von Bonin von der II./NJG 1 gelang es, sich mit seiner Messerschmitt Bf 110 hinter den Bomber zu setzen und diesen kurz darauf abzuschießen.

Eckhart-Wilhelm von Bonin (rechts) bei einer Einsatzbesprechung. Er wurde 1943 Kommandeur der II./NJG 1 und verstarb 1992.

Der Beobachter der Wellington Sgt Legg erhielt eine Schußverletzung und war für einige Minuten bewußtlos. In dieser Zeit bekam er nicht mit, das der Pilot Anderson den Befehl zum Verlassen er Maschine gegeben hatte, da diese nicht mehr zu halten war. Er schaltete auf Autopilot und die Besatzung sprang in die Nacht. Tragischerweise stürzte Anderson in die Elbe und ertrank. Bis auf Sgt Legg sammelte man die anderen Flieger bald ein und alle kamen, wenn auch teilweise verletzt, mit dem Leben davon.

Bis zur Rettung Sgt Leggs, mußte dieser jedoch noch Todesängste durchleben. Er erwachte aus seiner Bewußtlosigkeit und bemerkte, das seine Kameraden die Wellington offensichtlich verlassen hatten, denn niemand antwortete auf seine Fragen in der Bordsprechanlage. Ein Blick genügte und er sah, das die Wellington nur noch mit dem eingeschalteten Autopiloten flog und dabei ständig an Höhe verlor. Er holte seinen Fallschirm, den er jedoch beim Öffnen der Notausstiegsluke verlor.

(Anmerkung: Die allgemeine Vorstellung, das Fallschirme von Bomberbesatzungen stets am Mann getragen wurden, entspricht nicht der damals häufig gängigen Praxis. Diese waren teilweise an den merkwürdigsten Plätzen verstaut, da sie oft als Behinderung empfunden wurden und bei den unterschiedlichen Aufgaben der Crewmitlglieder einfach „störten“. Ball Turret Gunner (Bodenkanzelschütze) der amerikanischen B-17 Besatzungen konnten sich in der engen Kugel mit angelegtem Fallschirm fast gar nicht mehr bewegen und so wurde der Schirm einfach in „Griffnähe“ deponiert, was sich im Ernstfall natürlich rächen konnte. Legg hatte seinen Schirm unter einem Klapptisch am Navigatorplatz hinterlegt.)

Zu Tode erschreckt, blieb für ihn nur noch eine Möglichkeit lebend aus dem fliegenden Wrack zu kommen. Er mußte eine Notlandung versuchen. Legg setzte sich auf den Pilotensitz und schaltete den Autopiloten aus. Er hatte keine fliegerische Ausbildung, aber dennoch gelang es ihm, die Maschine im Sinkflug etwa 2 KM nördöstlich von Tönning auf einen Acker zu legen. Der Vorfall wurde in Tönning beobachtet, denn das Flugzeug rauschte in niedriger Höhe knapp über die Dächer hinweg. Eine Augenzeugin dachte damals, das der englische Pilot in letzter Minute versucht hätte über der Ortschaft hochzuziehen, damit er nicht direkt die Häuser kracht, was sicher eine Katastrophe für Tönning bedeutet hätte. In diesem Fall war es aber sicher nicht Heroismus, sondern pragmatischer Überlebenswille des Sgt Legg, der eine Bauchlandung auf einem Acker für sicherer hielt.

Absturz nahe des Ziegelhofes. Souvenirjäger haben schon die englische Kokarde aus der Stoffbespannung der Wellington herausgeschnitten.

Der englische Flieger wurde kurz nach der erfolgreichen Landung von Flaksoldaten geborgen. Seine Verletzung war jedoch so schwer, das er nach mehreren Operationen schon 1944 wieder nach England heimkehrte, wo er bald darauf wieder in RAF Dienste trat und noch bis Kriegsende als Ausbilder tätig war.