Misshandlungen von alliierten Fliegern in S.-H. von Th. Hampel

Mit der Bombardierung Lübecks im Jahre 1942 und der Hamburger Bombennächte im Juli 1943 im Rahmen der Operation GOMORRA, wurde ein neues Kapitel im Luftkrieg gegen Deutschland eröffnet. Das Resultat waren tausende von Bombenopfern in den Städten, sowie erstmals apokalyptische Ausmaße an Zerstörungen in den Städten, die man bis zu diesem Zeitpunkt kaum für möglich gehalten hätte. Auf alliierter Seite erhoffte man sich durch diese Angriffe eine Demoralisierung der Bevölkerung und eine Verkürzung des Krieges. Psychologisch wurde jedoch ein gegenteiliger Effekt erzielt, der sich in Trotz und teilweise auch in Hass äußerte. Diese Eskalation spiegelt sich auch in der Behandlung von abgeschossenen alliierten Besatzungen wieder. Wurden beispielsweise noch in den Jahren 1939-42 Beerdigungen von RAF Angehörigen oft mit allen militärischen Ehren vorgenommen, so änderte sich dies mit Fortgang des Krieges und endete in der Spätphase des Krieges damit, dass man tote alliierte Flieger häufig an Ort und Stelle namenlos verscharrte.

Beisetzung von RAF Angehörigen der No. 224 Sqn auf Sylt. Die Hudson stürzte am 30.9.1939 ab und drei Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben. Anwesend ist P/O Heaton-Nicholls (Bildmitte, mit einem Arm in der Schlinge), der einzige Überlebende.

Mit dem Auftauchen der amerikanischen Jäger im Jahre 1944 verschärfte sich die Situation nochmals, denn von nun an war praktisch jeder dieser neuen Gefahr ausgesetzt, am hellichten Tage von einem Tiefflieger beschossen zu werden. Die Angriffe auf Radfahrer, Feldarbeiter, Kinder auf dem Schulweg und sogar auf weidendes Vieh, ließ die alliierten Jabos nicht unbedingt auf der Beliebtheitsskala der Deutschen nach oben schnellen. Die Wut der Volksgenossen wurde noch durch eine geschickt angelegte Propaganda verstärkt, denn als im November 1943 ein amerikanischer Bomber in Holland abstürzte, deren Besatzung Lederjacken mit der Aufschrift „Murder Incorporated“ trug, nutzte man diesen Vorfall für eine weiträumige Zeitungskampagne, in der man die Bevölkerung über die „wahren“ Absichten des alliierten „Luftterrors“ informierte. Die Spitze der Gewaltspirale wurde durch einen Befehl Himmlers in der zweiten Jahreshälfte 1944 erreicht. Gefangene Flieger sind dem Volkszorn auszusetzen- mit anderen Worten: Wachkommandos haben bei Misshandlungen oder einer versuchten Lynchjustiz nicht einzugreifen. Damit waren die Flugzeugbesatzungen praktisch für „vogelfrei“ erklärt worden.Alle Organisationen, wie Polizei und Wehrmacht, waren zur Einhaltung des Befehls angehalten.Der Befehl erfolgte durch die Luftflotte Reich, dessen kommandierender General zu dieser Zeit Generaloberst Stumpff war. Stumpff und weitere Verantwortliche wurden nach dem Krieg wegen dieses Verstosses gegen die Genfer Konvention angeklagt und verurteilt.

Die beiden Fotos zeigen zwei amerikanische Flieger, die vermutlich der 381st BG angehörten. Sie werden von Angehörigen der Flakbatterie Dummersdorf abgeführt und später zur weiteren Vernehmung ins Duchgangslager Oberursel überführt. Der Absturz dürfte nach bisherigen Recherchen am 25.7.43 erfolgt sein. Leider konnten die beiden Amerikaner bisher nicht zweifelsfrei identifiziert werden.

Vor diesem Hintergrund müssen die nachfolgenden Ereignisse gesehen werden, die sich auch in Schleswig- Holstein abspielten. Es gibt dort Fälle von einer Art „Unterlassener Hilfleistung“ bis hin zum eiskalten Mord. Eine Art Täterprofil zu erstellen, soll und kann nicht Sinn dieser kurzen Darstellung der Ereignisse sein, aber auffällig ist, dass die Täter häufig fanatisierte Menschen waren, die von verschieden Zeugen in ihrem Wesen als jähzornig und unberechenbar geschildert wurden. Dazu sei noch abschließend erklärt, das Vorfälle dieser Art durch die Alliierten nach dem Krieg rigoros verfolgt wurden. Verschiedene Institutionen arbeiteten hier Hand in Hand. So waren die alliierten Grave Commissions zunächst mit der Klärung von vermißten Fliegern beschäftigt. Es galt die Grablage eines Vermißten zur ermitteln und eine zweifelsfreie Identifizierung vorzunehmen. Dabei nutzte man die eigenen Personalunterlagen und Berichte zum möglichen Verbleib des Toten. Deutsche Gemeinden und Städte waren verpflichtet, Gräberlisten ihrer Friedhöfe zu erstellen und diese zur Auswertung unverzüglich vorzulegen. Meist folgte eine Ortsbesichtigung durch ein Team der Grave Commission, was eine Exhumierung oder Umbettung zur Folge hatte. Im Rahmen dieser Arbeiten wurde auch eine Befragung von Zeugen vorgenommen, die Angaben zur möglichen Todesursache machen konnten. Erhärtete sich bei diesen Untersuchungen der Verdacht auf ein mögliches Kriegsverbrechen, so wurde der gesamte Vorgang mit einer Schilderung des Tathergangs an die zuständige War Crimes Group weitergereicht. Hier gab es verschiedene kleinere Einheiten, die dann eine regelrechte polizeiliche Untersuchung vor Ort vornahmen. Diese kleinen Teams waren u.a. mit einem deutsch sprechenden Offizier und zusätzlich einem Dolmetscher ausgestattet, der Zeugenaussagen aufnahm und Protokolle erstellte, die per Eidesstatt unterschrieben wurden. Um Missverständnisse zu vermeiden erfolgte dies natürlich zweisprachig. Der verantwortliche Vernehmungsoffizier hatte eine schwierige Aufgabe, denn er musste in seinem Abschlußbericht entscheiden, ob die vorliegenden Beweise für eine mögliche Anklage vor einem Miltärgericht ausreichen würden. Desweiteren sah er sich mit einem weiteren typischen Nachkriegsproblem konfrontiert- es war die Zeit der Denunziationen und bewussten Falschaussagen, die einen unbeliebten Nachbarn schwer belasten konnten. Manche alte Rechnung wurde auf diesem Wege beglichen. Der Verantwortliche mußte den Wahrheitsgehalt der Aussagen prüfen und sich einen Eindruck von der Persönlichkeit des Befragten verschaffen. Die mir vorliegenden Vernehmungsprotokolle und Berichte zeigen, das diese Arbeiten von englischer Seite sehr gewissenhaft und objektiv durchgeführt wurden. Erschien eine Aussage als zweifelhaft oder aus persönlichen Rachemotiven geleitet zu sein, wurde dies meist erkannt und dementsprechend bewertet. Waren die Zeugenaussagen so schwerwiegend und belastend , dann kam der Fall zur Anklage. Dies hatte eine Verhaftung des Tatverdächtigen zur Folge, was zum damaligen Zeitpunkt auch nicht gerade einfach war. Die chaotischen Wohn- und Lebensverhältnisse erschwerten die Suche, insbesondere wenn der Täter einfach untertauchte oder sogar die Besatzungszone wechselte. Nachfolgend sollen einige Beispiele zu diesem Thema aufgezeigt werden.

Ein Gräbernachweis aus Kaltenkirchen, der die Grablage von Lt. Herbert T. Winter dokumentiert. Winter war Angehöriger der 55th US Fighter Group und wurde am 5.1.1944 bei Lentföhrden tödlich abgeschossen.

25.7.1943 > Eine B-17 der 381st BG stürzt nach Flak- und Jägerbeschuß im Raum Lübeck ab. Copilot W. Bohan, der sich mit dem Fallschirm retten konnte, kommt auf einem Feld herunter und ist gerade damit beschäftigt sich seines Schirmes zu entledigen, als er einen schwarz gekleideten Mann, wild gestikulierend auf sich zukommen sieht. Bohan hebt die Arme und wird trotzdem von dieser Person mit einem Gewehr beschossen. Er erhält einen Brustdurchschuss und wird kurz darauf mit weiteren Gewehrkolbenhieben an Kopf und Gesicht bearbeitet. Bohan erwacht später in einem Lazarett in Lübeck und wird nach der Genesung ans DULAG LUFT nach Oberusel überstellt, wo für ihn die Kriegsgefangenschaft beginnt. Bereits heimgekehrt, wird Bohan Ende 1945 nochmals zu diesem Vorfall befragt. Einige Zeit später erhält er einen Brief , in dem ihm mitgeteilt wird, das sein Peiniger ein gewisser Waldemar F. war, der für dieses Vergehen in Nürnberg zu einer Haftstrafe von 7 Jahren verurteilt wurde. Noch zwei weitere Angehörige einer anderen Besatzung der 381st BG wurden am 25.7.43 von aufgebrachten Zivilisten umgebracht. Dies waren Copilot Dale Wendte und Waistgunner Sgt. G.Kralick. Nähere Umstände sind mir nicht bekannt. Sicher ist, das Kralick schon kurz nach der Landung getötet wurde. Seine Leiche befand sich auf einem LKW, mit dem die ersten Gefangenen kurz nach der Landung abtransportiert wurden.

22.5.1944> An diesem Tag wurde eine B-17 der 388th BG von Jägern im Raum Preetz abgeschossen und stürzte dann bei Nettelsee ab. Die abgesprungene Besatzung kam weit verteilt in der Feldmark herunter. Vier Amerikaner kamen verletzt ins Lazarett, während der Heckschütze namens Hildebrandt von dem deutschen Hilfspolizisten R. erschossen wurde, obwohl sich der Amerikaner bereits ergeben hatte. Nähere Umstände sind leider nicht bekannt. Sicher ist jedoch, das R. nach dem Krieg zum Tode verurteilt und dieses Urteil auch vollstreckt wurde.

22.5.1944> Milton S. Damron, P-38 Pilot der 364th Fighter Group wurde bei einem Luftkampf mit deutschen Jägern abgeschossen. Sein Flugzeug kam bei Tralau-Sühlen herunter und er selbst wurde bei der kleinen Ortschaft Schührensöhlen nach dem Fallschirmabsprung gefangen genommen. Aufgebrachte Dorfbewohner hatten schon einen Strick an der Dorfeiche für in ihn angebracht. Einige Fremdarbeiter und zwei eintreffende uniformierte Deutsche verhinderten die geplante Lynchjustiz.

Milton Damron in seiner P-38 Lightning. Die 364th Fighter Group verlor am 22.5.1944 zwei Flugzeuge über Schleswig-Holstein. Während Damron noch mit dem Schrecken davon kam, wurde sein Staffelkamerad Lt. Howard Kirkpatrick bei Wrist tödlich abgeschossen.

24.5.1944> Zwei amerikanische B-17 Bomber stürzten im Raum Itzstedt-Sülfeld nach einem Angriff deutscher Jäger ab. Während von einem der Flugzeuge die gesamte Besatzung ums Leben kommt, gibt es bei der zweiten Maschine Probleme bei der Klärung eines Todefalls. Angeblich soll ein Amerikaner von dem deutschen Arbeiter Heinrich H. misshandelt worden sein.

Reste einer B-17 der 100th BG, die am 24.5.1944 bei Sülfeld abstürzte. Die Seriennummer 2102648 ist noch gut zu erkennen und offenbar sind einige pragmatische Besucher gerade damit beschäftigt, die Maschine noch nach nützlichen Gegenständen zu durchsuchen. (Foto Gemeinde Sülfeld)

Ein englisches Untersuchungsteam kam jedoch nach der Befragung von 13 Zeugen zu der Ansicht, das dem Fall nicht weiter nachzugehen sei, denn die Aussagen zweier polnischer Fremdarbeiterinnen waren offensichtlich durch persönliche Rachegedanken motiviert und so wurde der Sache nicht weiter nachgegangen.

18.6.1944 > Eggerstedt bei Pinneberg. Eine B-17 der 379th BG wurde durch Flakfeuer abgeschossen und stürzte in den Hollandweg bei Eggerstedt. Drei Besatzungsmitglieder waren auf der Stelle tot, während ein Fallschimspringer bei Appen-Etz herunterkam. Es war der Waistgunner der Besatzung- Sgt. Zigfryd Czarnecki. Nach einem kurzen Aufenthalt im Büro des Bürgermeisters wurde er der Polizei übergeben. Dort klingelte wenig später das Telefon. Am Telefon war der SA- Führer Wilhelm L. von der Kreisleitung in Pinneberg. Er gab den verdutzten Polizisten zu verstehen, das er den Gefangenen gleich persönlich abholen würde.







Ein nicht gerade scharfes Foto, aber immerhin ein Zeitdokument. Es zeigt die Heckflosse der B-17 im Hollandweg kurz nach dem Absturz am 18.644.Drei Amerikaner kamen dabei ums Leben und der Waistgunner Sgt. Czarnecki wurde wenig später ermordet.

Kurz darauf erschien L. bei der Polizei und verlangte die Herausgabe des Gefangenen. Dies wurde jedoch zunächst verweigert, denn die Polizei wollte den Amerikaner lieber der Lufwaffe in Uetersen und nicht der Partei aushändigen. Nach einigen Telefonaten, in die sich selbst der Landrat einschaltete, wurde Czarnecki dem SA-Führer mit der Auflage übergeben, dass er diesen sofort in Uetersen abzuliefern hätte. So verließ L. mit dem Gefangenen den Ort. Etwa 150-200 m nach dem Ortsausgang schoss er dem Amerikaner ins Genick und rollte diesen in einen Straßengraben. Die Tat wurde beobachtet und herbeigeeilte Hilfe brachte den noch lebenden Flieger ins Lazarett auf dem Fliegerhorst Uetersen. Die Verletzungen waren so schwer, dass man hier wenig tun konnte und man veranlaßte die sofortige Verlegung des Verletzten ins Lazarett nach Hamburg – Wandsbek, wo Czarnecki wenig später verstarb. Im Juni 1946 begann man sich auf alliierter Seite für diesen Fall zu interessieren. Inzwischen war L. unter falschem Namen untergetaucht. Erst 1947 konnte man seiner habhaft werden. Noch im selben Jahr wurde er in Dachau von einem US-Gericht zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde vollstreckt.

31.3.45> Bei einem Angriff der RAF auf Hamburg wurde eine Lancaster der No. 635 Sqn abgeschossen und stürzte in HH- Billstedt ab. Zwei Besatzungsmitglieder konnten sich mit dem Schirm retten und kamen östlich der Hansestadt herunter. Einer von ihnen war F/S K.G. Clark – ein gebürtiger Australier. Clark wurde zunächst in einem Gebäude des Heereszeugamtes in Glinde verwahrt. Wenig später sollen drei Angehörige des Volksturms den Gefangenen nach Reinbek bringen. Die verschiedenen Aussagen der Beteiligten und Zeugen deuten darauf hin, das es sich in diesem Fall um einen geplanten Mord gehandelt hat. Der Führer des Wachkommandos Heinrich S. sollte mit Absprache seines Vorgesetzten dafür sorgen, das der Flieger nie in Reinbek ankommt. Beide waren als fanatische Nazis bekannt und gebärdeten sich auch so in ihrem Verhalten gegenüber Untergebenen und Angestellten des Heereszeugamtes. Der Gefangene wurde nach einem 20-minütigen Fußmarsch von Heinrich S. ohne ersichtlichen Grund erschossen. Seinen beiden Begleitern befahl er an Ort und Stelle zu bleiben, damit er seinem Vorgesetzten Meldung machen konnte, das der Flieger bei einem Fluchtversuch erschossen worden wäre. Schon wenige Wochen nach Kriegsende begannen die ersten Untersuchungen in diesem Fall. In der Nachbarschaft von Heinrich S. hieß es, das dieser kurz nach dem Eintreffen der ersten Engländer Selbstmord begangen hätte. Dies wollte man auf englischer Seite nicht so recht glauben und so wurde die Suche nach diesem Mann forciert. Kurz darauf wurde er als Häftling im No.1 Civilian Internment Camp in Neumünster entdeckt. Im Sommer 1946 kam es zur Gerichtsverhandlung im Curio-Haus in Hamburg. Heinrich S. zeigte sich wenig beeindruckt und gab dem Gericht zu verstehen, das er dessen Zuständigkeit anzweifle, denn als Deutscher könne er nicht von einem englischen Gericht abgeurteilt werden. Wie es scheint, handelte es sich hier um einen unverbesserlichen Fanatiker, für den Reue oder Mitgefühl Fremdworte waren. Er erhängte sich einige Tage später in seiner Zelle und zwischen seinen Unterlagen fand man eine Notiz, dass er den Strick für diese Tat aus Neumünster mitgebracht hatte. Somit war sein Selbstmord schon länger von ihm vorbereitet, da er wusste, dass alle Fakten gegen ihn sprachen und es mit Sicherheit zur einer Verurteilung gekommen wäre.


Falls jemand konkrete Informationen zu diesen oder anderen Vorfällen hat, so möge er uns doch bitte eine Mail senden. Vielen Dank für die Mithilfe!